Alarmstufe 2
Ein Cyberangriff und seine Folgen
Berlin, Ostersonntag, der 9. April 2023
Der Morgen ist kühl und feucht. Trotzdem sitzt Fjodor Bernhart auf dem Fahrrad. Er wird den ganzen Tag vor Monitoren verbringen und es bestenfalls kurz zur Kantine ins Nachbargebäude schaffen, deshalb braucht er die Bewegung am Morgen und Abend, egal wie das Wetter ist. Am Pförtnerhaus seiner Behörde hat sich eine Schlange gebildet, die Kollegen der Frühschicht im Gemeinsamen Cyber-Lagezentrum Deutschland sehen schon etwas genervt aus. Offenbar gibt es ein Problem mit der Zugangskontrollanlage. Der Pförtner wirkt zunehmend verzweifelt. Die Mutmaßungen von drei Dutzend Behörden-Nerds, was denn nun das Problem sein könnte, helfen auch nicht weiter.
Direkt vor Fjodor stehen zwei jüngere Beamte in der Schlange, einer spielt auf seinem Telefon einen Song vor und erzählt, wie er ihm gestern den Feierabend vermasselt hat. Als das Lied in seinem Musikstream lief, spielte plötzlich sein Auto verrückt. Die Fenster gingen auf, die Heizung stellte sich auf Maximalleistung, und der Bordassistent versuchte, nacheinander die Kontakte aus seinem Telefonbuch anzurufen, während auch noch der Warnblinker aktiviert wurde. Das alles passierte, erklärt der Autobesitzer dem Kollegen, weil der Song, so zumindest die erste Erkenntnis, neben einem sehr eingängigen Beat aus darin versteckten, nur für Maschinen hörbaren Sprachkommandos bestehe. Diese wiederum manipulieren die inzwischen überall in Autos verbauten Assistenzsysteme. Die beiden beschließen herauszufinden, wie viele andere Autofahrer das gleiche Problem hatten und ob die großen Musikstreaminganbieter das Lied schon von ihren Plattformen verbannt haben. Immerhin erledigen die Kollegen schon mal ihre Arbeit, bevor sie am Arbeitsplatz sind, denkt sich Fjodor beim Zuhören, während die Schlange immer länger wird.
Nach ein paar Minuten wird klar, dass die elektronische Zugangskontrolle wohl nicht so bald wieder in Gang zu setzen sein wird. Fjodor ist der ranghöchste Beamte, der hier auf Einlass wartet, also lässt er sich vom Pförtner das Festnetztelefon geben und verhandelt mit dem Schichtleiter der privaten Sicherheitsfirma, die das Gelände bewacht. Danach dürfen die Mitarbeiter nach Sichtkontrolle der Dienstausweise hereingelassen werden. Noch während sich die Schlange abbaut, beginnen erst Fjodors Telefon und wenig später auch die Geräte fast aller anderen Kollegen zu brummen und zu vibrieren. Die Schritte werden schneller, alle joggen zu der großen Betonhalle, in der das Lagezentrum gerade erst letzten Winter eröffnet worden ist.
Cyberalarm, Stufe 3. Das bedeutet, dass mehrere große oder wichtige Systeme betroffen sind, aber keine landesweite kritische Infrastruktur. Herbert Ganz, ein graubärtiger Zyniker, der seit Jahrzehnten im Staatsdienst ist und von dem es heißt, er sei früher beimBND gewesen, aber wegen irgendeines Skandals zum Cyber-Lagezentrum weggelobt worden, ist der Schichtleiter der Nachtschicht. Er brieft Fjodor kurz: Seit 5:45 Uhr, also genau zum Eintreffen der Frühschicht, die um sechs Uhr beginnt, zeigten die Monitoring-Systeme mehrerer Internetprovider einen massiven Anstieg der übertragenen Datenmengen, zum Teil bis an die Kapazitätsgrenzen.
Es gibt schon reihenweise Warnungen, dass Banken und öffentliche Einrichtungen nicht erreichbar sind, auch Nutzer im Internet berichten darüber, zumindest soweit die Social-Media-Seiten noch funktionieren. Man wisse noch nichts Genaues, so Ganz in seinem Briefing, die automatischen Meldesysteme hätten aber reagiert und einen Stufe-3-Alarm ausgelöst. Er würde Fjod