KAPITEL 1
DER LEUCHTTURM AUF DER LANDSPITZE
Freitag, 2. Januar, Morgen
Als der Fall des rätselhaften Verschwindens der Witwe Blegman in den Medien so richtig hochkochte, wohnte ich bereits drei Monate und drei Tage in direkter Nachbarschaft von Viggo Larssen.
Das ganze Land war erschüttert und von einem kribbelnden Schrecken erfasst, wie es wohl typisch ist für eine Nation mit wachsendem Bedürfnis nach Wohlstand, Ruhe und Unbekümmertheit. Ein Land, das international immer wieder zum glücklichsten der Welt erkoren wurde und das diesen Sachverhalt gerade eben wieder mit dem größten Weihnachtsumsatz aller Zeiten bestätigt hatte. Auf ein Volk wie dieses wirken Katastrophen – ja schon die ersten Anzeichen davon – wie ein kalter Hauch aus der Unterwelt, eine schaurige, wiewohl willkommene Ablenkung im sonst so ruhigen Alltag.
Als ich mein windschiefes rotes Haus im Wald verließ und nach unten in die Senke lief, wo die Bäume weniger dicht standen, sah ich bald die Spitze des weißen Leuchtturms, der ganz vorn auf der Landzunge stand. Ich kann mich gar nicht sattsehen an der beängstigenden Neigung des Turms nach Ostsüdost, als wollten der Wind und die Brandung ihn auf den steinigen Küstenstreifen drücken, auf dem er erbaut wurde.
Die Senke hatte etwas von einem Fußabdruck, den ein Riese in dunkler Vorzeit hinterlassen hatte. Bis auf eine einsame Birke wuchsen dort aus unerfindlichen Gründen keine Bäume. Das beflügelte meine Fantasie; ich stellte mir einen gigantischen Nordweststurm vor, der das Wasser in Kaskaden über das Land geschleudert hatte und mit gewaltigen Wellen gegen die Küste angerollt war. Das Wasser hatte die geheimnisvolle Senke gefüllt und einen Salzsee in Form eines Fußabdruckes entstehen lassen.
Später hatte das Wasser sich wieder ins Meer zurückgezogen, aber der Fußabdruck hatte die Zeit überdauert. Seit meinem ersten Besuch hier nannte ich die Senke deshalb nur die Fußspur des Riesen.
Hier unten hatten sich die Reste urwaldähnlichen Gestrüpps gehalten, das tiefer in dem gerade einmal hundertjährigen Leuchtturmwald jedes Durchkommen unmöglich machte. Wenn der Dunst an einem frühen Vormittag vom Boden aufsteigt und sich wie ein weißgoldener Glorienschein über die Landschaft legt, wissen die Røsser – wie die Bewohner von Røsnæs sich nennen –, dass der Winter zu Ende geht und das Frühjahr nicht mehr aufzuhalten ist. Etwas später, wenn die Winde sich gelegt haben, schiebt sich ein ganz besonderer Lichtschein die Böschungen hoch, den die Ortsansässigen liebten und von dem sie jedem erzählten, der ihnen sein Ohr lieh. Ich glaube, jede Gegend hat so eine Geschichte über das Licht, die die Menschen stolz verinnerlicht haben und immer wieder zum Besten geben. Wenn die Sonne im Sommer dann wirklich die Oberhand gewinnt und die grauen Wolken und den Regen verdrängt, kommen Scharen von Naturliebhabern nach Ulstrup geradelt oder gewandert. Am Friedhof vorbei, dem kleinen Lebensmittelladen und über die schmale Landstraße bis zum Leuchtturm, wo sich die Wiesen nach rechts und links ausbreiten. In der welligen Landschaft können aufmerksame Wanderer die exotischsten Pflanzen entdecken, darunter die Echte Schlüsselblume, die Wiesenküchenschelle, das Gelbe Sonnenröschen, Steppenlieschgras und Knöllchensteinbrech. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt vielleicht sogar seltene Schmetterlinge, wie das Kleine Wiesenvögelchen, den Braunen Feuerf