Kapitel 2
Könige und Königinnen
»Bist du zornig, Vater?«, fragte Flora.
»Nein«, antwortete König Leonard Evangelin.
Mit siebenunddreißig Jahren war ihr königlicher Vater körperlich immer noch kräftig, nun aber eher sehnig als muskulös. Obwohl er früher ein schwergewichtiger Mann gewesen war, klagte Floras Mutter, dass sein Appetit in letzter Zeit vor Sorge gelitten habe. Das Herrschen hatte den Großkater, wie seine Waldkrieger ihn nannten, altern lassen. Sie respektierten ihn, denn er war ein zuverlässiger, entschiedener und gerechter Mann. Aber nun saß er rastlos vor seiner Tochter auf dem Thron in der Lichtungshalle wie ein Kater, der sich bereit machte, sich auf jemanden zu stürzen oder zu fliehen oder einfach frustriert zu miauen.
Natürlichist er zornig, dachte Flora.Er hat gerade den Befehl gegeben, einen Jungen von einem Baum zu werfen!
»Ich muss dir lediglich eine Frage stellen«, fuhr er fort. »Man hat einen Jungen aus dem gemeinen Volk unbekleidet im Zimmer deiner Schwester gefunden, wo sein unteres Glied steif wie ein Ast hervorragte. Amora sagt, eine deiner Dienerinnen habe ihn dort hingebracht. Die kleine Egmont. Das Mädchen bestreitet es. Was hast du dazu zu sagen?«
»Er ist tot, nicht wahr?«
Der Großkater knurrte. Es war nicht die Antwort, die er hören wollte. »Er ist verurteilt worden. Er gehört der Vergangenheit an. Es ist passiert. Und zu Recht, wie es mein Gesetzesgeber bestätigt hat.« Er deutete auf den Mann in Amtsrobe an seiner Seite, Benavere Schuster, der zurücknickte. »Jetzt erklär mir, wie ein nackter Grundling im Zimmer einer Prinzessin auftauchen konnte.«
»Ich habe ihn nicht dort hingebracht.«
»Natürlich nicht. Nicht du. Das weiß ich. Du bist mein zarter grüner Zweig. Aber ich wette, du weißt, wer es getan hat … nicht wahr?«
Flora sah, dass er darum kämpfte, vor seinem beträchtlichen Publikum ruhig zu bleiben – vor Amora, Schuster, seiner Lichtungswache, dem irritierenden Meistermönch, der Flora immer auf die Finger schlug, wenn sie im Unterricht uralte Namen falsch aussprach.Und vor meiner Mutter. Es waren nicht sehr viele Menschen, aber sehr wichtige. Auch Eggie war da. Das Fehlen von Enics Familie fiel auf. Ihr königlicher Vater würde sich später persönlich mit ihnen treffen, um das Urteil und die schnelle Bestrafung zu erklären.Allzu schnell – Enic hätte dir sagen können, wer ihn nach oben gebeten hat, wenn du ihn nicht getötet hättest, du verrückter Kater! Die Familie bekam erst Gelegenheit, Beschwerden zu äußern, nachdem das Urteil bereits vollstreckt war.Aber wie sollen sie sich beschweren? Ein Stalljunge hatte nichts im Zimmer einer Prinzessin zu suchen – schon gar nichtnackt. Außerdem würde ihr Vater dafür sorgen, dass Enics Familie alle ausstehenden Löhne bekam, die der Stalljunge verdient hatte.Er ist ein guter, gerechter Mann, dachte Flora,aber auch ein Mann voller Launen. Es war k