Eins
»Du meine Güte, Claire!«
Wie Martin so auf einem Fuß herumhüpfte, erinnerte er Claire an einen Reiher in der Mauser. »Musst du die Kisten dort herumstehen lassen, wo man über sie stolpert? Fast hätte ich mir das Bein gebrochen, verdammt!«
»In fünf Minuten muss ich nach Mayfair fahren und das Essen für den Lunch ausliefern.« Es kostete Claire alle Beherrschung, ihm nicht die Kiste mit den Thunfisch-Ceviche, die sie als Vorspeise eingeplant hatte, über den Schädel zu ziehen. Sie hatte sich heute Morgen schon mit einem gekränkten männlichen Ego herumschlagen müssen, denn sie hatte Harry, den Fischhändler, zu fragen gewagt, ob der Thunfisch auch frisch sei, worauf dieser einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte. Da ihr Harry beruflich gesehen ziemlich nützlich war, hatte sie sein zerzaustes Gefieder gestreichelt und sich entschuldigt. Mit ihrem Ehemann war es hingegen eine andere Sache. Immerhin verdiente sie bereits seit Jahren die Brötchen. Aber ging er ihr dafür zur Hand? Erbot er sich etwa, die Kisten mit den Speisen zum Auto zu tragen? Fehlanzeige. Claire kam zu dem Schluss, dass sie sich entweder zur Menschenfeindin entwickelt hatte oder einfach eine eingefleischte Feministin war. Erschrocken hielt sie damit inne, Plastikkisten im Kofferraum ihres altersschwachen Panda zu verstauen. Eigentlich hatte sie sich nie als Frauenrechtlerin betrachtet. Wenn man sie vor dreißig Jahren gefragt hätte, hätte sie sich eher einen hausfraulichen Typ genannt –vergesst das Verbrennen von BHs, mir ist der heimische Herd lieber. Vielleicht war es ja das Leben, das eine Frau in eine Feministin verwandelte. Oder die Ehe.
Denn wenn man die Angelegenheit richtig tranchierte – und als Inhaberin eines Partyservice konnte Claire im Tranchieren niemand etwas vormachen –, hatte sie zuweilen den Eindruck, dass Männer nichts weiter als verzichtbarer Luxus waren. Eine ihrer Lieblingskarikaturen fiel ihr ein. Die Frau sagt zu ihrem Mann: »Wenn einer von uns stirbt, ziehe ich nach Südfrankreich.« Recht hatte sie.
»Mach dich nicht lächerlich, Claire«, erwiderte ihre Freundin Jan stets, wenn sie derartige subversive Gedanken äußerte. »Du könntest ohne einen Kerl nicht überleben!«
Vermutlich war Martin derselben Ansicht.
Allerdings wollte sie sich im Moment weder mit Martin noch mit ihrem Sohn Evan und ihrer Schwiegertochter Belinda befassen. Die beiden wohnten nun schon seit einem halben Jahr »vorübergehend« bei ihnen, weil es mit ihrer Wohnung nicht geklappt hatte. Sie erschwerten Claire zusätzlich das Leben, weil sie nun ihre Aufträge vorbereiten musste, während ihr zwei weitere Menschen im Weg herumstanden. Ganz zu schweigen davon, dass der Kühlschrank von merkwürdigen Gemüsen und widerlichen Grünkohlsmoothies überquoll. Evan und Belinda ernährten sich aus Prinzip von Rohkost. Ergebnis war, dass in Claires kostbarem Entsafter ständig irgendwelches grüne Zeug klebte.
Claire, schalt sie sich,du klingst ja fast wie deine Mutter. Diese Erkenntnis war derart beängstigend, dass sie sich gedanklich sofort dem bevorstehenden Vormittag zuwandte. Sie hatte noch nie für diese Kunden gekocht. Doch die Inhaberin eines anderen Partyservice, die sie kannte, hatte festgestellt, dass sie überbucht war, und Claire gebeten, den Auftrag zu übernehmen. Die Kunden waren offenbar erfolgreiche Investoren und residierten in einem großen Haus in der Brook Street in Mayfair. Claire wusste eigentlich nicht so genau, was Investoren so trieben, und fragte sich, ob sie sich von den Bankern unterschieden, für die sie in der guten alten Zeit Arbeitsessen ausgerichtet hatte. Bei den meisten hatte es sich um aufgeblasene alte Wichtigtuer geh