: Julia Gregson
: Die englische Hebamme Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641205065
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
: 624
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wo der Monsun tobt und es nach Jasmin und Sandelholz duftet, stellt sich eine Frau ihrer größten Herausforderung ...

England, 1947. Erschöpft von den Kriegsjahren, zieht sich die junge Krankenschwester Kit Smallwood auf die Farm ihrer Freundin Daisy bei Oxford zurück. Dort hilft sie ihr bei der Planung einer Hebammenschule in Indien. Selbst in das ferne Land zu gehen, daran hätte Kit nie gedacht – bis sie den jungen indischen Arzt Anto kennenlernt. Die beiden verlieben sich und heiraten gegen alle Widerstände ihrer Familien. An Antos Seite ist Kit glücklich – doch in Indien warten große Veränderungen auf sie. In einem traditionellen und sich doch stets wandelnden Land muss Kit entscheiden, wieviel sie bereit ist, für ihre große Liebe aufzugeben.



Julia Gregson arbeitete als Model für Hardie Amies, bevor sie sich dem Journalismus zuwandte. Nach Auslandseinsätzen in Vietnam und Indien begann sie in New York, für denRolling Stonezu schreiben und hat Mohammed Ali, Buzz Aldrin, Ronnie Biggs und die Größen Hollywoods interviewt. Inzwischen ist sie verheiratet, hat eine Tochter, vier Stiefkinder und lebt in Wales mit drei Ponys und zwei Hunden.

Kapitel 1

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In meiner von Einsamkeit geprägten Kindheit gab meine Mutter ihr Bestes, um mir die Welt schöner und sanfter erscheinen zu lassen. So erklärte sie mir einmal während eines fürchterlichen Unwetters, ich brauchte keine Angst zu haben, denn das sei nur Gott, der im Himmel die Möbel verschiebe – ein Gedanke, der mich die ganze Nacht hellwach hielt.

Ein andermal, in Norwich, wo sie sich um einen älteren Witwer kümmerte, entdeckte ich auf unserem Heimweg vom Kino zwei Menschen, die, wie mir heute klar ist, in einer Gasse lebhaften Sex miteinander hatten. Sie spielen Eisenbahn, meinte Mutter. Ich erwiderte darauf, es sehe gar nicht aus wie unser Eisenbahnspiel, das wir manchmal spielten, indem wir unsere Fußsohlen gegeneinanderdrückten und sie tretend hin und her bewegten. Da lachte sie, oder vielleicht gab sie mir auch eine Ohrfeige. Bei ihr konnte man sich nie sicher sein.

Aber als wir an diesem feuchten Novemberabend in den Norden von Oxfordshire fuhren, hatte sie keine fröhlichen Worte auf Lager. Wir waren unterwegs zur Wickam Farm, wo Daisy Barker wohnte, meine Patentante und Freundin meiner Mutter und, wenn alles schiefging, auch ihre Arbeitgeberin. Daisy hatte uns »aus Gründen, über die wir sprechen werden, wenn ihr hier seid«, zu sich eingeladen, womit ich bestens klarkam, nicht nur, weil das ausgebombte, verbarrikadierte, rationierte London so deprimierend war, sondern weil ich die Farm liebte. Für mich war sie ein Zufluchtsort, für meine Mutter aber war sie aus Gründen, die ich nicht verstand, ein Ort der Schande.

Es regnete in Strömen, so heftig, dass die Scheibenwischer unseres Taxis gar nicht nachkamen; links und rechts ragten Hecken auf, so hoch wie kleine Häuser, und grenzten die Welt auf die feuchte Straße vor uns und einen grauen Himmel über uns ein. Und sie schluckten alle Geräusche, bis auf das Rauschen des Regens und das Krächzen eines nassen Fasans.

Eine Herde Jersey-Rinder, von der Nässe dampfend, blockierte unseren Weg bei den römischen Ruinen an der Straßenkreuzung. Unser Taxifahrer war ein freundlicher alter Herr, der die schweren Koffer meiner Mutter mit Begeisterung in den Wagen gestemmt und dabei ausgesehen hatte, als würde er alles für sie tun (sie hatte diese Wirkung auf Männer). Jetzt plapperte er vor sich hin und versuchte im Rückspiegel Blickkontakt mit ihr aufzunehmen. Neulich, meinte er, habe er alle möglichen Leute zu Miss Barker gebracht: Missionare, Schullehrer, Krankenschwestern, sogar ein paar Farbige. »Unterhält sie dort nicht eine Art indische Wohlfahrtseinrichtung?«, erkundigte er sich.

Ich spürte, wie meine Mutter neben mir erstarrte. »Keine Ahnung«, erwiderte sie im leicht pikierten Akzent der Home Counties. »Ich habe sie eine Ewigkeit nicht gesehen.«

Dabei grub sie ihre Nägel in meine Hand und verdrehte hinter seinem Rücken die Augen. Seit dem Krieg war die »Impertinenz des gewöhnlichen Mannes« eines ihrer Lieblingsthemen, selbst wenn es um Gespräche ging, die sie begonnen hatte. Aber das zeichnete meine Mutter nun mal aus: Sie sandte ständig die unterschiedlichsten Botschaften aus.

Wir hatten den Eisenzaun erreicht, der die Grenze der Wickam Farm markierte, und als w