2. Kapitel
Karim hatte das Gefühl, niemals an einer eigenartigeren Beerdigung teilgenommen zu haben. Niemand weinte, mit Ausnahme seiner Schwester. Von den näheren Angehörigen der Toten schien überhaupt niemand gekommen zu sein, sodass der Eindruck entstand, der Priester rede in ein höflich-abwartendes Vakuum. So viel Karim sich auch umblicken mochte, er entdeckte niemanden, den er als Mona Wahieds Freund hätte identifizieren können. Keinen zutiefst erschütterten Mann mit riesigem Blumenstrauß, nur zu gefasst wirkende Trauergäste, die, als schließlich unangenehm kalter Nieselregen einsetzte, je nach Naturell heimlich oder offen auf die Uhr schielten, ob die leidige Zeremonie nicht bald beendet sei.
Die Uhrzeit interessierte Karim wenig. Er beobachtete die Anwesenden. Wie auf so vielen Beerdigungen schienen die Frauen in der Überzahl, aber es ließ sich kaum feststellen, wer zu jenen Damen gehörte, die jede Trauerfeier in ihrem Bezirk besuchten, quasi aus Gewohnheit, morbider Neugier oder simpler Langeweile und wer wirklich in Beziehung zu der Toten stand. Und die Männer? Karim erinnerte sich, dass Mona als Sekretärin in einer Pharmafirma gearbeitet hatte. Vermutlich handelte es sich bei diesen Leuten hauptsächlich um Pflichtbesucher von ihrer Arbeitsstelle. Ein einziger hatte eine Blume dabei, eine langstielige, weiße Rose, für einen trauergebrochenen Lover entschieden zu wenig, fand Karim. Dennoch fasste er den Mann schärfer ins Auge, registrierte Einzelheiten: Ein Deutscher, etwa um die Vierzig. Dichtes, dunkles, sehr kurzes Haar. Das Gesicht schmal und kantig, eher finster. Der Mann ließ sich Zeit, ans Grab zu gehen, ließ die anderen vor, bis nur noch er und Karim mit Yasmina übrig blieben. Als er schließlich an den Sarg trat und die Rose niederlegte, verharrte er einen Moment mit gesenktem Kopf, ging dann schnell zum Ausgang.
Karim tippte Yasmina an, wies mit verstohlener Geste zu dem Fremden, aber sie schüttelte den Kopf, kannte ihn nicht. Ein wenig hatte Karim erwartet, dem seltsamen Kerl mit dem Hund auf dem Friedhof zu begegnen, ihn wie einen durstigen Neo-Vampir zwischen den Gräbern oder zumindest vor dem Tor herumstromern zu sehen, doch entweder war der Mann nicht schlechtwetterfest oder sein zweimaliges Auftreten in Yasminas Umfeld Zufall gewesen.
Reiner Zufall war es jedenfalls ganz sicher, dass Karim sich noch einmal umwandte, als die Trauergäste längst in ihre trockenen Autos geflohen und er und Yasmina bereits selbst fast am Tor angelangt waren. Und da endlich sah er, was er die gesamte Zeit erwartet hatte zu sehen: einen schwarzhaarigen, dünnen Mann mit einem Bouquet roter Rosen, der vor dem Grab niederkauerte, und obwohl er es bei dem stärker werdenden Regen nicht wirklich erkennen konnte, war Karim sicher, dass die Schultern des Mannes von heftigem Weinen bebten.
Er ließ Yasminas Arm los, drückte der Schwester den Wagenschlüssel in die Hand, sagte, dass er gleich nachkommen werde. Mit raschen Schritten, innerlich den Regen verfluchend, lief er den gekiesten Weg zurück. Der einsame Trauernde musste das Knirschen seiner Schritte gehört haben, oder irgendein merkwürdiger Instinkt warnte ihn; jedenfalls blickte er für einen Moment auf, bemerkte den Journalisten, ließ die Rosen fallen und rannte davon, hangabwärts, tiefer in den Friedhof hinein.
»Moment! Warten Sie! Ich will bloß mit Ihnen reden!«, schrie Karim ihm über die Stille der Gräber hinterher, doch der andere blieb nicht stehen, sprintete fort, als seien ihm derscheitern persönlich oder wenigstens ein Dutzend Killer auf den Fersen, und war im nächsten Augenblick zwischen Kreuzen, Büschen und Bäumen versch