Great Lakes Region, Anfang November
Die Wintersonne fiel schräg durch das kleine Fensterchen, das Maroque, der ebenso verrückte wie fürsorgliche Franzose, mühsam für sie in das Dach des Blockhauses eingebaut hatte. Die vorwitzigen Strahlen kitzelten sie an der Nase. Diana setzte sich ein wenig mühsam auf und streckte die steifen Arme und Beine. Noch immer verkrampfte sie sich in den langen Nächten, noch immer suchten dunkle Träume sie heim. Es war besser geworden in den letzten Tagen, aber sie waren noch da. Natürlich waren sie das nach der doch erst kurzen Zeit. Allerdings gelang es ihr nach dem Erwachen schnell, sie zu verdrängen. Ihr neues Leben erschien ihr wie ein Wunder. Ein Wunder, das ihre Schwester Louisa, deren Gefährte Jacques, dessen Bruder Sunk’Pala und vor allem der Vater der beiden, Wanbli Waste, ihr schenkten.
Der Herbst war beinahe vorüber, die Nächte hier oben in den Wäldern wurden bereits empfindlich kalt. Diana krabbelte unter der Decke und dem warmen Fell, das Wanbli Waste ihr für ihr Lager mitgebracht hatte, hervor und tapste auf bloßen Füßen zu dem Fensterchen. Draußen war der Morgen angebrochen und die Sonne tat ihr Möglichstes, um den Tag ein wenig zu erwärmen. Sie selbst fror jedoch, es war eine Kälte, die aus ihrem Inneren kam, eine Kälte, die sich nicht so einfach mit Fellen oder Decken besiegen ließ. Wann immer in den Nächten die Träume kamen, klebte ihr Nachthemd schweißnass an ihrem Körper. Bisher gelang es ihr, diesen Umstand vor Louisa und Jacques zu verbergen und sie hoffte, dass es auch weiterhin gelingen würde. Sie wollte nicht, dass ihre große Schwester, die sich sowieso schon viel zu viel um sie sorgte, noch mehr beunruhigt wurde.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, wann immer sie an Louisa dachte und oft auch, wenn sie die Ältere beobachtete. Diana war so unglaublich stolz auf Louisa, auf das, was in der Zeit hier in der Wildnis aus ihr geworden war. Die kapriziöse, anspruchsvolle und an ihren Mitmenschen nicht immer gerecht handelnde herrschaftliche Dame war ein für alle Mal verschwunden. Dafür stand eine strahlend schöne Frau in einer kleinen, verrauchten Küche, buk Brot und Kuchen, kochte Kaffee, nahm Fische aus und verwandelte sie in ein köstliches Abendessen.
Seit sie denken konnte, war Diana ihrer Schwester in Liebe verbunden gewesen, diese neue Louisa aber betete sie regelrecht an. Damit war sie allerdings nicht alleine. Jacques, der große, stolze Lakotakrieger, der Louisa mit so viel Einfühlungsvermögen und unendlich viel Geduld zurück ins Leben geholt hatte, liebte ihre Schwester ebenfalls aus ganzem Herzen. Louisa erwiderte diese Liebe so offen und so herzlich, dass es ihr in unbeobachteten Momenten nicht selten die Tränen in die Augen trieb. Die drei Lakota waren dafür verantwortlich, dass ihr ein neues Leben und eine neue Schwester samt Familie geschenkt worden waren.
Während sie in die warmen Lederstiefel schlüpfte, die ihr Sunk’Pala vor wenigen Tagen wortlos neben das Bett gestellt hatte, erschien vor ihren Augen ein Bild aus Zeiten, an die sie eigentlich nicht mehr denken wollte. Der herrische Vater und die sanfte, ebenso wie sie langsam verzweifelnde Mutter. Und die Reichen und Mächtigen Chicagos, die ihr Vater stets um sich versammelte. Nicht einmal ein Jahr war nötig gewesen, um Frank Kedleston hier in Amerika zu einem der einflussreichsten Geschäftsleute werden zu lassen. Auch wenn alle dachten, sie würde es nicht verstehen: Diana verstand nur zu gut. Nie wieder wollte ihr Vater die Schmach erdulden müssen, mittellos dazustehen, nachdem zuvor schon einmal der Bankrott der Familie durch seine eigenen, falschen Entscheidungen verursacht worden war. Waren seine Handlungen in England noch als annähernd fair und gerecht zu bezeichnen gewesen, so war er nun zu einem rücksichtslosen und absolut gnadenlosen Menschen geworden. Sein ursprüngliches Ziel, seiner Familie eine lebenswerte und gesicherte Zukunft in diesem jungen Land bieten zu können, war längst der Gier nach Macht und den lockenden Reichtümern gewichen, die das aufstrebende Amerika in Aussicht stellte. Diana vermochte es nicht in Worte zu fassen, wie dankbar sie dafür war, diesem Teufelskreis aus Macht, Geld, Einflussnahme und Tyrannei entkommen zu sein. Sie zog ihr Schultertuch fest um sich und stieg leise die Holztreppe, die von ihrer gemütlichen Dachkam