1. Kapitel
Elisabeths Beerdigung fand an einem strahlenden Sommertag statt. Nora hätte dunkle Wolken, strömenden Regen oder sogar ein Gewitter passender gefunden. Während sich der Pastor in Allgemeinplätzen über das Leben vor und nach dem Tod verlor, sah sie mit zusammengekniffenen Augen hinauf in den zartblauen Himmel. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, dem Pfarrer zu beschreiben, wie lebendig und voller Neugier auf jeden einzelnen Tag Elisabeth bis zu ihrem letzten Atemzug gewesen war. In seiner gesamten Predigt hatte sie jedoch kein einziger Satz auch nur im Entferntesten an ihre geliebte Granny erinnert.
Da Elisabeth außer Nora und Silke keine Familie mehr gehabt hatte, standen um das offene Grab nur eine Handvoll Menschen herum. Die meisten von Elisabeths Freunden lagen schon seit Jahren auf einem der hannoverschen Friedhöfe. Bis zuletzt hatte Elisabeth einmal im Monat mit ihrem roten Mini eine Tour durch die Stadt gemacht. Sie nannte es ihren »Alte-Freunde-soll-man-nie-vergessen«-Tag.
Bei dem Gedanken, dass Elisabeths Freunde nun vielleicht gar keinen Besuch mehr bekamen, musste Nora schlucken.
Als der Pastor endlich schwieg und sie auffordernd ansah, trat sie neben das offene Grab und warf den dicken Strauß Schwertlilien auf den hellen Sarg. Leider wirkten die strahlend blauen Blumen etwas schlapp, nachdem sie sie während der Trauerfeier eine ganze Stunde lang fest umklammert hatte. Elisabeth hätte sich trotzdem gefreut.
Schwertlilien waren ihre Lieblingsblumen gewesen. Im Sommer hatte immer ein Strauß davon auf ihrem Esszimmertisch gestanden. Vielleicht war es Nora sogar ein kleiner Trost, dass Elisabeth im Juni gestorben war: Im Hochsommer oder gar im Winter wäre es schwierig gewesen, Schwertlilien zu besorgen.
Noras Mutter Silke hatte in einem Café nahe dem Friedhof einen Tisch bestellt und die Beerdigungsgesellschaft dorthin eingeladen. Sobald der Pastor sich jedoch gemächlichen Schrittes entfernt hatte, wurden drei der alten Leute mit hastig gemurmelten Entschuldigungen von ihren zum Fahrdienst abkommandierten Verwandten umgehend wieder zum Parkplatz geschafft und abtransportiert.
Die einzige Besucherin, die außer Silke und Nora noch übrig geblieben war, war ohne Begleitung gekommen. Sie lächelte traurig. »Man kann von seinen Enkeln wahrscheinlich nicht erwarten, dass sie sich auch noch stundenlang anhören, wie Erinnerungen über die liebe Verblichene ausgetauscht werden«, erklärte sie, als müsste sie das rasche Verschwinden der anderen Beerdigungsgäste entschuldigen.
»Aber Sie kommen doch mit?«, bat Silke die alte Dame mit den leuchtenden grauen Augen hinter dicken Brillengläsern.
»Ich sollte schon längst auf dem Heimweg sein.« Mit bedauernder Miene schüttelte sie den Kopf. »Immerhin habe ich über drei Stunden Autofahrt vor mir. Und obwohl mein Mann mir zugeredet hat, zu Elisabeths Beerdigung zu fahren, weiß ich, dass er sehnsüchtig auf mich wartet. Burckhardt ist sehr krank, da weiß man nie, was passiert. Wenn ich nicht in seiner Nähe bi