1
Marie betrat die Umkleidekabine und warf einen Blick auf die große Wanduhr. 17:20 Uhr. Wieder einmal hatte sie Überstunden gemacht. Vor allem der Patient mit dem komplizierten Beinbruch hatte sie in Anspruch genommen. Zum Glück war die Operation gut verlaufen, und sie konnte ihre Schicht verspätet, aber beruhigt an die Kolleginnen übergeben.
Mit einem zufriedenen Seufzer schlüpfte Marie in ihre Hose und den bequemen Kapuzenpullover. Sie wusch sich die Hände und öffnete ihren Pferdeschwanz, sodass ihr die langen braunen Haare über die Schultern fielen. Danach schloss sie ihren Spind und ging aus der Garderobe in den Gang zur hinteren Ausgangstür des Krankenhauses. Als sie nach draußen kam, empfing sie freundlicher Sonnenschein, der das Tal erhellte. Zufrieden sog Marie die frische Herbstluft ein und ließ den Blick über die Landschaft gleiten.
Das Krankenhaus lag auf einer Anhöhe oberhalb von Gerbingen, dem östlichsten Ortsteil von Josefszell. Ihr Elternhaus lag am anderen Ende des Dorfes. Wenn man oben auf der Krankenhausterrasse stand, konnte man ihren Eltern direkt aufs Dach schauen. Marie ließ sich noch einen Moment die Sonne ins Gesicht scheinen, dann ging sie zu den Fahrradständern, die etwas unterhalb des Ausgangs am Rand des Parkplatzes aufgestellt waren. In diesem Augenblick ertönte ein Rascheln ganz in der Nähe. Marie drehte sich um. Hinter ihr kam ein junger Mann aus dem Gebüsch neben dem Weg und schlenderte auf sie zu.
„Oh hallo, Georg. Was machst du denn hier?“ Normalerweise war Georg um diese Uhrzeit auf dem Hof beschäftigt.
Der Sonnhof war einer der wenigen Bergbauernhöfe, die es in der Gegend noch gab. Georg lebte dort mit seinen Eltern Christl und Max.
Auf Georgs Gesicht erschien ein freches Grinsen. „Was ist das denn für eine Begrüßung? Freust du dich nicht, dass ich dich abhole?“
Marie lächelte. „Doch. Und wie.“
Georg war ihr bester Freund seit Kindertagen. Der Sonnhof und ihr Zuhause lagen auf zwei Seiten desselben Bergs. Wenn sie zu ihm wollte, musste sie ein Stück nach unten laufen, kurz nach dem Wald umdrehen und in den Weg einbiegen, der zum Sonnhof führte. Als Kinder hatten sie am liebsten die Abkürzung über die Wiese und durch das Unterholz genommen. Später war Maries Familie ins Dorf gezogen. Aber Marie hatte sich dort nie wohlgefühlt und wohnte seit ein paar Jahren wieder oben am Berg.
Wenn Marie ihren Freund sah, musste sie oft an ihre gemeinsame Kindheit denken. Sie waren unzertrennlich gewesen. Marie war schon immer impulsiv gewesen und wurde schnell wütend, wenn sie etwas ungerecht fand. Dann kam es auch mal vor, dass sie ihren Ärger an Georg ausließ. Der ertrug ihre Ausbrüche mit stoischer Ruhe. Im Gegenzug akzeptierte Marie seine extrem zurückhaltende Art. Anders als die anderen Kinder aus dem Dorf machte sie sich nie über ihn lustig. Stattdessen ließ sie sich von seinen seltsamen Ideen mitreißen. Wie einmal, als er einen meterhohen Staudamm im Bach bauen wollte und sie beinahe dabei ertrunken wären.
Georg riss sie aus ihren Gedanken. „Hast du Lust auf einen Spaziergang? Auf dem Hof ist grad wenig zu tun und da dacht ich, ich hol dich vom Krankenhaus ab.“
Natürlich hatte sie Lust. Sie ließ ihr Fahrrad stehen und hakte sich bei Georg unter. Gemeinsam schlugen sie den Weg ein, der vom Klinikparkplatz in sanften Schwüngen nach unten führte.
„Wie wär’s mit einem Eis?“, fragte Georg.
Marie stimmte zu. Die Eisdiele lag im Zentrum von Josefszell. Der Weg dorthin war nicht weit, aber sie hätten genug Zeit, um ein paar Worte zu plaudern und den Rest der Strecke schweigend zu genießen.
Kurz bevor sie den Marktplatz erreichten, drehte Marie sich zu Georg und musterte ihn von der Seite. Er war ih