1. Kapitel
Frieke hasste Überraschungen. Aber sie liebte ihre Hamburger Kollegen und Freunde. Nur deshalb war sie an diesem verregneten Montagmorgen Ende Mai auf dem Weg in die Redaktion der Zeitung, für die sie die letzten acht Jahre als freie Journalistin gearbeitet hatte. Sie hielt dem grauen Himmel ihr Gesicht entgegen, ein bisschen trotzig: Mich kriegst du nicht, Schietwetter, nächste Woche bin ich weg.
Unterwegs hielt sie bei einem Bäcker und kaufte zwei große Tüten Franzbrötchen. Das war ihre Beteiligung an der Nicht-Abschiedsparty, die hoffentlich auf sie wartete. Also keine Party. Sie hatte nichts geplant, weil sie es albern fand. Schließlich war sie nie fest angestellt gewesen, auch wenn sie zuletzt immer mal einen Arbeitsplatz in der Redaktion gehabt hatte, je nachdem, weil sie an einer großen Enthüllungsstory über Offshore-Konten von Fußballern und deutschen Unternehmern mitgearbeitet hatte. Aber das rechtfertigte nicht, dass heute irgendwer mehr Aufregung als nötig um sie machte.
An was sie nicht dachte, passierte auch nicht. Punkt.
Weil sie auf den Aufzug warten musste, zog sie das Smartphone aus der Tasche und fotografierte die beiden Bäckertüten in der anderen Hand.
Heute Abschiedstour beim KOMET, nach acht Jahren. Morgen packen und übermorgen geht’s übern Teich!
Sie schickte den Tweet ab und steckte das Smartphone wieder ein. Ihre tausendvierhundert Follower würden vermutlich nicht übermäßig auf diese Kurznachricht reagieren. Bis auf die Hamburger, die sich sofort in einer Diskussion darüber auslassen würden, wo es die besten Franzbrötchen gab. In der vierten Etage wurde sie von Emma erwartet, die ihren dicken Bauch vor sich herschob wie ein Frachtschiff, das in den Hamburger Hafen einfuhr und die Containerladung vor sich Richtung Docks schob.
„Meine Güte, wo soll das denn enden?“, fragte Frieke.
Emma grinste. „Hoffentlich in sechs bis acht Wochen in einem Kreißsaal mit zwei gesunden Babys.“
„Ich hab was mitgebracht.“ Etwas linkisch hob Frieke die Bäckertüten hoch. Aber neben Emma fühlte sich jeder linkisch. Ihre beste Freundin arbeitete in der Buchhaltung und kümmerte sich um die Reisekostenabrechnungen der vielen Reporter und Journalisten, die für den KOMET Jahr für Jahr die besten politischen Artikel und Reiseberichte schrieben und dafür in alle Ecken der Welt reisten. Frieke hatte zwischen ihren vielen Reisen in den vergangenen Jahren immer wieder mit ihr zu tun gehabt, und aus einem anfänglich rein professionellen Verhältnis war inzwischen eine innige Freundschaft geworden, und das, obwohl sie so unterschiedlich waren. Emma war die Besonnene, die nichts dem Zufall überließ. Sie war seh