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Der Wecker riss Elly um sechs Uhr aus einem Traum voller Gewalt und Angst. Schweißgebadet taumelte sie unter die Dusche und war dankbar, dass die Nacht ein Ende gefunden hatte. Erst unter dem warmen Wasserstrahl merkte sie, dass ihr Kopf dröhnte. Ihr pochender Schädel war allerdings nicht das Ergebnis der Albträume, sondern ihres nächtlichen Streifzugs samt mehrerer Cocktails. Schwach erinnerte sie sich, dass sie erst gegen drei Uhr in ihr Bett gefallen war. Sie hatte das Lächeln ihres Studenten einfach nicht aus dem Kopf bekommen.
Die Albträume hatten ihre Ursache in der Vergangenheit. Seit zwei Jahren wurde sie Nacht für Nacht von jenem grässlichen Erlebnis heimgesucht, das als Krönung ihres sozialen Abstiegs alles in ihrem Leben verändert hatte.
Die Erinnerung an den Namen ihres Peinigers auf der Polizeiakte flammte in ihr auf: Roger Sykes. Schmerz durchflutete ihren Körper, und sie bekam eine solche Angst, als sei sie wieder in seiner Gewalt und müsse seine Demütigungen ertragen. Auf einmal lagen die Fesseln, die sie daran hinderten, sich zur Wehr zu setzen, um ihre Hände, während er sich immer und immer wieder an ihr verging.
Unbändiger Zorn stieg in ihr auf, als sie sich aus den Federn schälte. Doch plötzlich lösten sich die Fesseln um ihre Handgelenke. Sie war frei! Aber dann spürte Elly den Griff eines Messers in ihrer Hand. Die Klinge glänzte silbern im künstlichen Licht des Badezimmers. Wie war sie hierhergekommen? Der Fußboden war voller Blut. Was hatte sie nur getan?
»Nein!«, entwich ihr ein Schrei. Roger hatte das getan! Nicht sie! Elly schlug mit der flachen Hand auf die Fliesen. Schließlich gelang es ihr, die grausamen Bilder zurückzudrängen.
Trotz aller Versuche ihrer Therapeutin May und einiger anderer Psychologen, bei denen sie nach dem Vorfall in Behandlung gewesen war: Ihre Erinnerungen an jenen Tag, an dem Roger Sykes sie vergewaltigt hatte, waren bruchstückhaft und verworren geblieben. Wie ein Dolch durchstieß der Schmerz ihr Herz, wenn Elly versuchte, sich an ein Detail von damals zu entsinnen.
Es war einfach zu viel. Sie ertrug die Erinnerungen nicht. Deshalb hatte Elly sich geschworen, sie gemeinsam mit Roger für immer aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Sie schloss die Augen, atmete tief ein und schob die Bilder mitsamt ihrem Schmerz zurück in den Käfig des Vergessens.
Seit jenem Tag war sie festen Beziehungen, aber auch unverbindlichen Begegnungen mit Männern nicht nur aus dem Weg gegangen, sondern hatte für die meisten Männer nur noch Verachtung empfunden. Sie wunderte sich selbst über ihre Reaktion auf den Studenten, der sie in der Bar so eindeutig angemacht hatte. Noch vor wenigen Wochen hätte eine solche Situation Ekel in ihr ausgelöst.
Bei ihm war es anders. Wieder hatte Elly das Bild vor Augen, wie er sich den Radiergummi seines Bleistifts in den Mund steckte. Sie fuhr sich mit der Zunge über ihre feuchten Lippen. Jetzt erinnerte sie sich auch an seinen herben Duft in der Bar: ein eigenwilliges Rasierwasser, das sein markantes Aussehen unterstrich. Un