Kapitel 1
MozartsRequiem und ein zartes Quietschen begleiten den Sarg auf dem Weg ins Feuer. Diskretes Schluchzen. Ein schreiendes Kind. Dann öffnen sich schwere Türen, und der Sarg gleitet gemächlich in das ewige Nichts. Letzter Akt. Vorhang fällt.
»Na wer, bittschön, nimmt a Kind zu so wos mit? Is doch a Kulturschock.«
Romana Petuschnigg erkennt die Stimme und dreht sich zur Frau mit Hut. Er ist schwarz mit einem kleinen Schleier dran, überhaupt ist die ganze füllige Person in penetrante Trauerfarbe gehüllt. Romana nickt Maria hochmütig zu, der Zugehfrau der Verstorbenen. Der Nachname fällt ihr nicht ein, Dienstboten sind nun mal Leut, an die man sich nur per Rufnamen erinnert. Was pudelt die sich auf? Romana denkt, dass Maria schon immer was Impertinentes an sich hatte, auch wenn sie noch so devot daherkam. Nona, muss aber auch nicht leicht gewesen sein, für Cousine Sissy zu hackeln. Die war ein schöner Drachen. Geld wie Heu, geerbt von ihrem Gott-hab-ihn-selig Erich Wallner, der ein Juweliergeschäft in der Kärntner Straße und ein Zinshaus im ersten Bezirk besaß. Mit Seitenblick auf die Oper, mon dieu.
Elisabeth »Sissy« Wallner überlebte ihren Erich um fünfzehn Jahre. Aber jetzt ist sie tot, gleich nur noch Asche. Romana, die ihr Alter mit »um die sechzig« angibt (und das will sie noch mindestens zehn Jahre so halten), findet es traurig, in diesem Jahr schon beim vierten Begräbnis zu sein. Die Leut sterben einem unter der Hand weg. Dass die Cousine mit fünfundachtzig plötzlich und unerwartet dahinschied, wie es im Partezettel heißt, tangiert sie nur peripher. Man sah sich selten und teilte eine oberflächliche Abneigung gegen die jeweils andere »arrogante Trutschn«: Romana mit ihrer Playboy-Vergangenheit und der altersschwachen Villa am Wörthersee – und Sissy, die Juwelierswitwe mit ihrem picobello Haus in Opernähe, denn genau genommen sieht man die Oper nur von einem Eckbalkon, während Sissy immer so tat, als ob sie nur rüberspucken müsst …
Aber die Cousine war eine G’stopfte, während Romana vornehm arm ist. Weshalb der Todesfall durchaus eine Bereicherung sein könnte. Denn Sissy und Erich hatten keine Kinder, die nächsten Verwandten sind Romana und Erichs Nichte Karin Kirchhofer, die Ehemann und Tochter nebst Baby zur Trauerfeier mitgebracht hat. Wenn die Familie vollzählig anrückt, wird sie auf fette Beute hoffen. Romana tut dies ebenfalls, obwohl sie weder Mann noch Kind hat, allenfalls den Martin Glück hätte sie mitnehmen wollen, aber der lehnte kategorisch ab. Ein Begräbnishasser.
Aber es sei doch nur eine Abschiedsfeier in der Simmeringer Feuerhalle, hatte Romana zu Martin gesagt. Weil die Sissy sich doch einen Aufenthalt in der Nähe von Udo Jürgens gewünscht habe. Im Urnenhain. Half nix. Martin meinte, dass er allerhöchstens zu Romanas Begräbnis erscheinen werde, was ihr nicht so charmant vorkam. Hat sie doch nicht vor, so bald die Seiten zu wechseln. Und wenn, dann möge man ihre Asche in den Wörthersee streuen. Und beim Leichenschmaus ganz viel Schampus trinken und lachen und lustig sein.
Die Sissy hat für ihr letztes Fest genaue Anweisungen gegeben. Ihr Notar Otto Baron Keltenbach, der sich Romana gleich vorstellte (schaut sie vielleicht aus, als würde sie schon ein Testament brauchen?), überwacht die Inszenierung. »Merci Cherie« am Anfang, dann die Trauerrede des Bischofs (gegen eine gewaltige Spende, davon ist Romana überzeugt, weil für Sissy der gewöhnliche Pfarrer nicht gut genug war), lang und belanglos, danach Mozart, und ab die Post in den Ofen. Die Gestecke und Kränze blieben draußen. Die kommen später in den Urnenhain, aber beim Versenken der Urne wollte Sissy niemanden mehr dabeihaben. Vielleicht, weil sie sich genierte, doch nicht direkt neben Udo Jürgens zu ruhen, sondern ein paar