: Charlotte Link
: Sturmzeit - Wilde Lupinen Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641229627
: Die Sturmzeittrilogie
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 704
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Deutschland 1938. Alle Zeichen stehen auf Sturm, aber im Gegensatz zu ihrer Mutter Felicia kümmert Politik die junge Belle Lombard nur wenig. Ihre Pläne gelten einzig ihrer Filmkarriere in Berlin und dem vermeintlichen Mann ihrer Träume, dem Schauspieler Max Marty. Während Belle sich auf die bevorstehende Hochzeit auf dem Gut der Familie konzentriert, verteidigt Felicia indes als erfolgreiche Unternehmerin rücksichtslos ihre Interessen – sogar gegen die eigenen Gefühle. Doch der ausbrechende Krieg macht auch vor der weitverzweigten Familie der beiden Frauen nicht Halt und droht ihnen schließlich, alles zu nehmen. Und Belle und Felicia müssen schließlich eine Entscheidung treffen, die ihr Leben für immer verändern wird …

Charlotte Link, geboren in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre Kriminalromane sind internationale Bestseller, auch »Ohne Schuld« und zuletzt »Einsame Nacht« eroberten wieder auf Anhieb die SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein in Deutschland wurden bislang über 34 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft; ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.

1

Es war im Mai, und die Rapsfelder blühten. Hellgrünes Laub leuchtete in der Sonne. Auf den Wiesen wucherten Klee und Löwenzahn, und der Wind trug einen leisen Salzgeruch ins Land. Flimmernd fielen die Sonnenstrahlen des Frühsommerabends durch die Blätter der Eichen, die die Auffahrt zu Lulinn säumten. Am Ende der Allee konnte man das Gutshaus erkennen, efeubewachsen und verwittert. Entlang der Auffahrt grasten Pferde, Trakehner, zwei von ihnen galoppierten quer über die Koppel hintereinanderher. Ein anderes stand aufrecht, mit hocherhobenem Kopf, am Zaun und wieherte laut.

Obwohl sie fast das ganze Jahr über in Berlin lebte, wäre Belle Lombard nie auf die Idee gekommen, etwas anderes als Lulinn als Heimat zu bezeichnen.

»Ich komme aus Ostpreußen«, pflegte sie zu sagen, wenn man sie nach ihrem Zuhause fragte, und erklärend setzte sie hinzu: »Von Lulinn. Ein Gut, schon seit drei Jahrhunderten im Besitz meiner Familie. Es liegt nahe bei Insterburg … also nicht mehr weit von der litauischen Grenze.«

Sie musste die Worte »Lulinn« und »Insterburg« nur aussprechen, und es wurde ihr so sehnsüchtig zumute, dass sie meinte, Berlin keine Sekunde länger ertragen zu können. Natürlich, sie hing an dieser Stadt, sie lebte dort, arbeitete dort, hatte eine Menge Freunde, aber Lulinn … das war etwas ganz anderes. Lulinn – das waren im Sommer Kornfelder, so weit das Auge reichte, und im Winter dicke, aufgeplusterte Schneehauben auf den Weidezäunen, das waren Schwarzbeeren im Herbst und der Geruch von Laub und Pilzen, das waren als erste Frühlingsboten die Wildgänse am Himmel, die aus dem Süden zurückkehrten. Lulinn – mächtige Eichen und wilde Lupinen, blaugrau die Schatten der Wälder am Horizont, schwer der Duft von Jasmin im Wind und der von frischem Kümmelbrot aus der Küche im Souterrain. Der farbenprächtige Rosengarten vor dem Portal, das Klappern der Holzschuhe, wenn die Knechte und Mägde in aller Herrgottsfrühe die Arbeit auf dem Hof begannen, das Rauschen des Laubes von den Obstbäumen im Garten und die herrlichen, schneeweißen Federbetten, die immer so gut rochen, weil Jadzia, die polnische Haushälterin, die Leinenbezüge nach dem Waschen draußen trocknen ließ und sich der Duft von frischem Heu, von Blumen und Kräutern in ihnen fing.

Auf Lulinn war die Zeit irgendwann stehengeblieben und hatte sich dann einen bedächtigen Lauf angewöhnt, und Belle dachte, es sei das unwandelbare Gleichmaß aller Dinge, was dem Gut seinen Zauber gab. Draußen zeigte sich die Welt abwechselnd gleichgültig, böse oder sogar grausam, aber auf Lulinn gab es Beständigkeit, und wenn man seine Mauern nach ein paar Tagen wieder verließ, fühlte man sich gegen alles gewappnet, was das Leben an Misshelligkeiten bereithalten mochte.

Alles wird gut, dachte Belle auch diesmal, als der blank geputzte, schokoladenbraune Armstrong Siddeley ihrer Tante die Eichenallee entlangfuhr. Wie schwer der Flieder roch! Sie wandte den Kopf und betrachtete die Frau, die am Steuer saß. Tante Modeste, die sie am Bahnhof in Insterburg abgeholt hatte und seitdem ununterbrochen darüber jammerte, wie viel Zeit sie dieses Unternehmen kostete. »Als ob man nichts Besseres zu tun hätte«, knurrte sie auch jetzt.

Wie kann man nur so missmutig sein, wenn man das Gl