1. Kapitel
»Die Kirche mal wieder. Wir sollen irgendwelche Jugendlichen vom Gelände der alten Klosterschule vertreiben. Da macht man seinen Job doch richtig gerne. Also los.« Ralf seufzte laut, drückte das Gaspedal durch, und der Streifenwagen schoss die stille Landstraße entlang.
»Zum dritten Mal in diesem Monat«, stimmte Sandra freudlos zu. »Der Besitzer könnte auch einfach mal einen vernünftigen Stacheldrahtzaun ziehen.«
»Ja, oder die ganze Ruine abreißen.«
»Was auch immer. Nur nicht ständig die Polizei rufen.«
»Wir verstehen uns, Frau Kollegin.« Ralf grinste sie an. »Das macht es doch gleich erträglicher.«
Als sie ankamen, war bereits ein weiterer Streifenwagen vor Ort.
Sandra und Ralf stiegen aus und gingen auf die beiden Kollegen zu.
»Boris sieht so braun gebrannt und erholt aus. War der in Urlaub?«, fragte Sandra leise.
Ralf nickte. »Ja, er hat eine neue Freundin. Sehr blond und sehr sportlich, passt gut zu ihm. Wusstest du das nicht?«
Sie brummte verneinend. Seit Boris ihr unmissverständlich klargemacht hatte, dass sie nicht sein Typ war, sah sie keinen Grund mehr, sich für sein Privatleben zu interessieren.
»Und? Wisst ihr schon was? Wie viele, wie alt?«, erkundigte sich Ralf.
Boris zuckte nur mit den Schultern und lächelte Sandra freundlich an. Sie ignorierte ihn.
Hagen schob sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und rückte sich die Mütze auf den kurzen schwarzen Locken zurecht, obwohl sie perfekt saß. »Keine Ahnung«, erwiderte er. »Sie sind nicht sehr laut, scheinen aber ein paar Lampen für stimmungsvolle Beleuchtung mitgebracht zu haben. Guckt mal, das muss taghell da drinnen sein.«
Sandra blickte zu den hohen vernagelten Fenstern der Klosterruine. Tatsächlich, am Kirchenschiff drang kräftiger Lichtschein zwischen den Ritzen hervor.
»Ist doch prima, Hagen, dann kannst du deine Sonnenbrille aufsetzen, und du siehst noch cooler aus«, stichelte sie mit einem Blick über die Schulter.
»Selbst mit Sonnenbrille komme ich wohl kaum gegen meine Lieblingskollegin an. Die Uniform steht dir heute wieder ausgezeichnet.« Hagen grinste anzüglich, und Sandra lachte leise.
Unwillkürlich ließ sie den Blick über die Runde schweifen. Sie könnte das Kompliment an jeden ihrer Kollegen uneingeschränkt weitergeben, auch an Ralf, der beinahe doppelt so alt war wie die anderen drei.
Ralf nickte Sandra zu. »Wir können ja schon mal in die alte Sakristei gehen und dort den Spaß ein bisschen beobachten. Ihr kommt dann durch den Seiteneingang und das Haupttor.«
»Geht nur. Wir kommen von der Seite. Das Hauptportal ist verschlossen, hab ich schon geprüft. Aber ich hab’s nicht eilig.«
Hagen winkte ab, beugte sich in den Streifenwagen und begann, zwischen den Sitzen zu kramen.
Sandra lief zu dem kleinen Seitengebäude, während Ralf ihr etwas langsamer folgte. Keiner von ihnen hatte großartig Bock auf diese Einsätze. Normalerweise waren da ein paar Minderjährige, die ein bisschen soffen, kifften und ansonsten friedlich Party machten. Das störte niemanden, bis auf den Besitzer des Anwesens, den es dagegen nicht kümmerte, dass hier alles zerfiel. Aber wenn er anrief und Hausfriedensbruch anzeigte, mussten sie dem natürlich nachgehen.
Sie öffnete die Tür und schlüpfte in den dunklen Raum dahinter. Durch die Ritzen der nächsten Tür drang helles Licht aus dem Kirchenraum. Dann hielt sie inne und wartete, bis ihr Kollege aufschloss. Der blieb sofort stehen und lauschte. »Oha!«
Sandra neigte den Kopf und versuchte, die Geräusche einzuordnen. »Was geht denn hier ab?«, fragte sie leise.
Hohe, spitze Schreie einer Frau drangen zu ihnen in den Raum. Ralf und Sandra tauschten einen kurzen Blick. Das klang gar nicht gut.
Ganz leise trat Sandra an die Tür und drückte sie auf. Ralf folgte dicht hinter ihr.
Sie standen im Dunkeln schräg hinter der Altarempore und konnten unbemerkt fast das gesamte Innere mit dem steinernen Altar und den kaputten Resten der hölzernen Kirchenbänke überblicken.
»Was zum Henker!« Sandra sah, wie die Hand ihres Kollegen unwillkürlich an das Holster seiner Dienstwaffe griff. Sie zog ebenfalls die Pistole.
Das Funkgerät knackte. »Bewegt euch sofort hierher!«, zischte Ralf hinein. »Hier wird eine Frau bedroht!«
»Was soll das sein?«, fragte Sandra entsetzt und blinzelte ungläubig. »Eine Schwarze Messe?«
Der gesamte Raum war mit Dutzenden von schwarzen Kerzen vollgestellt, der Bauschutt überall mit weißen und vor allem roten Tüchern abgedeckt. Dazwischen waren Schalen mit Rosenblättern und Wasser verteilt, die wie Opferschalen wirkten. Die ursprüngliche Bestimmung des Kirchenraumes war immer noch deutlich zu erkennen, nicht zuletzt durch das neue mannsgroße Holzkreuz, das jemand mitten in den Altarraum gestellt hatte. Von der Querlatte baumelten ein paar Stricke.
Am meisten schockierte Sandra jedoch der Anblick der nackten Frau. Sie lag rücklings mit angewinkelten Beinen auf dem steinernen Altar, über den man ein weißes Tuch mit roten Flecken ausgebreitet hatte. Ihre Handgelenke waren mit Stricken an eine eiserne Querstange hinter dem Altar gefesselt. Um das schmerzverzerrte Gesicht lagen ihre feuerroten Haare wie ein Strahlenkranz ausgebreitet, und dicke Blutstropfen waren über ihrem Busen verteilt. Auf den zweiten Blick erkannte Sandra auch um ihre Knöcheln Fesseln, in denen sie sich schreiend in dem vergeblichen Versuch wand, sich zu befreien.
Zwischen ihren Beinen stand ein … Mönch, vermutlich. Eine Gestalt mit breiten Schultern in einer braunen Kutte, die sich wie in Trance vor- und zurückwiegte. Das Gesicht wurde von einer großen Kapuze umrahmt und war nicht zu erkennen, doch das Gewand war vom offen, und was es entblößte, war ganz offensichtlich eine glatte Männerbrust. Kräftige Muskeln spannten sich bei jeder Bewegung rhythmisch unter der Haut. Auf der linken Seite war ein kleiner Drache tätowiert, der den Kopf aggressiv in den Nacken geworfen hatte und sich mit gespreizten Klauen auf die linke Brustwarze stürzte. Einzelne Schweißperlen schimmerten im strahlend hellen Licht.
In diesem Moment beugte der Mann sich über die sich windende Frau und griff ihr zwischen die Beine. Gleichzeitig erschien ein Messer aus dem weiten