: Sissi Merz
: Bergkristall 304 - Heimatroman Verliebt in eine Namenlose
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783732560233
: Bergkristall
: 1
: CHF 1.80
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: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Bergbauer Lukas Hinterleitner traut seinen Augen kaum: Im fürchterlichsten Gewittersturm ist er unter Einsatz seines Lebens den Berg hinaufgestiegen, um sein Vieh in Sicherheit zu bringen. Und jetzt stellt er fest, dass er inmitten der Naturgewalten nicht allein ist. Vor ihm auf dem engen Steig stolpert eine schmale Gestalt, als könne sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Im Näherkommen erkennt Lukas ein junges Madel, das ihn mit angsterfüllten Augen anstarrt. Das arme Ding ist vollkommen durchnässt. Schnell ist er bei der Fremden - da fällt sie ihm auch schon bewusstlos entgegen.

Ohne zu zögern, nimmt Lukas sie mit auf seinen Hof, wo sich die Unbekannte als bezaubernde Schönheit entpuppt. Aber sie muss Schlimmes erlitten haben, ist abgemagert und verletzt - und sie spricht kein Wort! Auch fehlt ihr jegliche Erinnerung, wer sie ist und wo sie herkommt. Lukas setzt alles daran, ihr zu helfen, und fühlt sich zu der schönen Unbekannten auf geheimnisvolle Weise hingezogen. Heimlich träumt er schon davon, sie zu seiner Bäuerin zu machen - und ahnt nicht, dass sein Glück an Eifersucht und Intrigen zu zerbrechen droht ...

„Mei, war das lustig, als der Bimberl fast aus dem Karussell gefallen ist!“

„Ach ja? Und was war, als du im Autoscooter einen Unfall nach dem anderen gebaut hast?“

Der Großknecht vom Hinterleitner-Hof lachte schallend.

„Hätt nur noch gefehlt, dass die Gendarmen dich abführen!“

Allgemeines Gelächter erhob sich, die Altmagd Rosa fühlte sich bemüßigt zu mahnen: „Macht net so einen Lärm. Ihr wisst doch selbst, dass der Bauer das net mag.“

„Ach, Roserl, sei halt nicht so streng mit uns“, bat Bimberl fröhlich. „Die Kirmes kommt ja nur einmal im Jahr ins Tal. Und da wird man sich doch noch amüsieren dürfen.“

Ehe Rosa etwas erwidern konnte, betrat Lukas Hinterleitner die Küche, wo am großen Holztisch gemeinsam die Mahlzeiten eingenommen wurden. Wie meist war die Miene des noch jungen Bauern finster und streng. Da erübrigte sich alles Mahnen der Altmagd, denn das Gesinde verstummte von selbst.

Lukas nickte knapp in die Runde und ließ sich auf seinem Stuhl am Kopf der Tafel nieder. Von diesem Moment an wurde schweigend gegessen. Die lustige Stimmung, die eben noch geherrscht hatte, war vergessen. Alle wussten, dass Lukas keine Gespräche bei den Mahlzeiten duldete und es schon gar nicht leiden konnte, wenn einer laut wurde oder lachte.

Freilich war der Berghofbauer nicht immer so streng und hart gewesen. Das Schicksal hatte ihn in seinen jungen Jahren bereits schwer geprüft. Mit Anfang zwanzig hatte er die Eltern verloren und den Erbhof von da an allein bewirtschaften müssen. Oft war es Lukas schwer geworden, die Verantwortung allein zu tragen, nie einen zu haben, der half oder zumindest gut zuredete.

Als das hochgewachsene, fesche Mannsbild mit dem dichten, dunklen Haarschopf und den ernsten grauen Augen sich dann verliebt hatte, schien es so, als sollte nach den schweren Jahren wieder Licht und Freude in sein Leben zurückkehren.

Aber das Madel, dem er einen prächtigen Verlobungsring an den Finger gesteckt und an das er sein Herz verloren hatte, war Lukas einfach ohne Erklärung fortgelaufen. Zwar hatte sie ihm öfter vorgeworfen, zu ernst, ja zu langweilig zu sein, aber das hatte er nie wirklich ernst genommen. Seitdem seine Verlobte ihn verlassen hatte, war Lukas noch abweisender und verschlossener geworden. Keiner drang mehr so recht zu ihm vor, nicht einmal die Altmagd Rosa, die für den Burschen früher wie eine liebe Tante gewesen war. Trotzdem gab Rosa sich auch weiterhin Mühe, den meist mürrischen Bauern noch auf den rechten Lebensweg zu führen.

„Willst du net auch einmal die Kirmes im Tal besuchen?“, fragte sie Lukas nach dem Frühstück. „Vielleicht das Tanzbein schwingen und ein bisserl lustig sein?“

Er schaute sie verständnislos an. „Wozu soll das gut sein?“

„Ja, mei, damit du auch einmal wieder lachen kannst und net allerweil nur trübsinnig umeinandrennst.“

„Danke, kein Bedarf.“ Er verließ die Küche und ging hinüber in sein Arbeitszimmer. Hinter dem Schreibtisc