1. Kapitel
20. September, Donnerstag
Am heutigen Morgen noch, bedrückt, kraftlos, kriege ich Meister Kung nicht und nicht aus dem Kopf. Ein chinesischer Philosoph. Sie kennen ihn – aber vermutlich unter einem anderen Namen: K’ung-fu-tzu, Kong Zi, Kong Fuzi, Kong Chiu. Am ehesten wohl latinisiert als Konfuzius.
Jetzt nähert sich dieser zehnte Tag dem Abend. Von Depression und Burn-out ist plötzlich keine Spur mehr!
Konfuzius zu Ehren steht auf dem Tisch vor mir sogar eine Tasse brühend heißer Grüner Tee.
Genau genommen ist mir eher nach Margarita zumute, während ich den Bildschirm und das Programm von CNN nicht aus den Augen lasse.
Ich warte auf das Erscheinen von Laura Bush.
Mein Insiderwissen sagt mir: Margarita und die First Lady würde nach allem, was ich inzwischen über sie weiß, sogar sehr gut passen. Aber in Hinblick auf den altehrwürdigen Chinesen sind jetzt die fermentierten, getrockneten und zerriebenen Teeblätter angesagt
Vor Jahren greife ich im Supermarkt nach einem Schnäppchen: Kaufe zwei, zahle eines. Die Teepackungen finde ich tatsächlich noch in einer Ecke der Vorratskammer meiner Küche. Entgegen meiner Gewohnheit erforsche ich nicht die Haltbarkeit. Ob unter BEST BEFORE ein Datum vor oder nach dem 20. September 2001 steht, interessiert mich ausnahmsweise nicht im Geringsten.
Ich spüre den fragenden Blick meines Mannes. Grüner Tee? Allerdings bin ich nicht bereit, mein Innerstes nach außen zu kehren. Noch nicht.
Das gilt sogar für ihn. Mit ihm teile ich jedes auch nur irgendwie in Frage kommende Geheimnis. Dieses nicht. Er würde um seine Fassung ringen. Die dramatischsten Tage der Neuzeit ... und was mache ich? Ich orientiere mich an einem Philosophen aus dem dritten Jahrtausend vor Christus.
„Weiß das dein Boss?“ würde er fragen.
Nein. Natürlich nicht.
Ich gestehe: Verlockend wäre es schon gewesen, sich mit George W. Bush über meine Befürchtung auszutauschen. Aber es gäbe keinen Kompromiss. Das Ergebnis wäre unkalkulierbar. Triumph oder Tragödie. Sieg oder Niederlage. Entweder er kann meine Interpretation augenblicklich uneingeschränkt akzeptieren, also: Er spürt die Wahrheit in ihr so wie ich. Oder meine Strategie verliert mit einem einzigen Wimpernschlag jede Chance auf Verwirklichung.
Nur eine Fifty-Fifty-Chance, die fünfte Katastrophe abzuwenden. Das ist zu wenig.
So kennt zur Stunde nur Laura die Quelle meines Denkens und Handelns. Konfuzius. Es ist eine Art Copyright-Klau. Eines Tages werde ich meine Erlebnisse niederschreiben. Und die Welt wird urteilen: Ich bin keine Diebin. Meine Motive sind christlich. Meister Kung müsste sich freuen.
Mein Name lautet Janet McCormack. Ich bin einundvierzig Jahre alt und verheiratet. Meine Position ist auf der Gehaltsliste der mehr als vierhundert im White House Beschäftigten durchaus recht weit oben gelistet – etwa am Übergang vom mittleren zum oberen Drittel d