Kapitel 1
Abgründe
Wir spielen, bis uns der Tod abholt.
– Erwin Hapke –
Die Sommerhitze hatte sich weit in den Herbst hinein ausgebreitet und war dann auf einen Schlag verschwunden. Heute, am 26. September, war es empfindlich kalt.
Klaus Moormann tastete nach der Brille auf dem Nachttisch, stieg aus dem Bett, schloss das Fenster und warf einen zärtlichen Blick auf seine schlafende Frau. Geräuschlos zog er die Tür hinter sich zu. Der Urlaub im Oderbruch hatte ihm schön die Knochen gewärmt! Ein kleines Ferienhäuschen, Spaziergänge, Radtouren … Vorbei! Im Wohnzimmer stieg er in die blaue Arbeitshose und holte eines der dicken Flanellhemden, die gefütterte Cordweste und Schafwollsocken aus dem Schrank. Die würde er brauchen. Die Sandalen standen im Flur. Er schlüpfte hinein und sah auf die Armbanduhr. 5:55 Uhr. Noch nie war er zu spät gekommen. Er liebte es, eine halbe Stunde vor Dienstbeginn da zu sein und den ersten Kaffee mit den Kolleginnen aus der Küche, den beiden Putzfrauen oder dem Portier zu trinken.
Punkt sechs verließ Moormann seinen heimatlichen Plattenbau in der Voßstraße. Es nieselte. Die fünf Minuten zum Hostel ging er immer zu Fuß. Um diese Zeit waren hier kaum Menschen unterwegs. Er überquerte die Wilhelmstraße, die vor Nässe glänzte, passierte die hölzerne Baustellenverkleidung am U-Bahnhof Mohrenstraße, ging an der tschechischen Botschaft entlang und betrachtete die Rosenrabatten des Zietenplatzes. In seinen Augen das einzig Erfreuliche in dieser Gegend. Dann der hohe, graue Eisenzaun, der ihn stets an ein Gefängnis erinnerte. Wenige Schritte später erreichte er seine Arbeitsstelle.
Sieben Jahre hatte er noch. So sehr er sich auf die Rentenzeit freute, die er sich als eine Reise entlang alter Bahnstrecken ausmalte, so wenig konnte er sich vorstellen, diesen Weg eines Tages nicht mehr zu gehen. Er mochte es, gebraucht zu werden. Seine Arbeit war in Ordnung. Die Kollegen schätzten ihn und er sie. Heute würde er ihnen von seinem Urlaub erzählen und sich dann gleich um alle defekten Wasserhähne, Glühbirnen, Nachtschränke und Betten kümmern. Die Heizungsanlage musste er prüfen, die würde bald in Betrieb gehen. Und ins Putzmitteldepot sollte er auch dringend. Sicher hatten die Reinigungskräfte in den zwei Wochen sämtliche Vorräte auf den Etagen aufgebraucht.
Das Cityhostel Berlin, ein hellgrauer, fünfstöckiger Plattenbau mit pompöser Überdachung vor dem Eingang, ragte wie ein Monolith vor ihm auf. Moormann lächelte, selbst nach so langer Zeit kam es ihm eigenartig vor, dass aus dem ehemaligen Botschaftsgebäude ein Hostel geworden war. Besonders absurd fand er den abgesägten Sicherheitszaun. Das musste schon zu Ostzeiten ein imposantes Gebäude gewesen sei