: Linus Geschke
: Das Lied der toten Mädchen Subtitle>
: Ullstein
: 9783843715928
: Jan-Römer-Krimi
: 1
: CHF 8.90
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: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Letzte, was sie hörte, war ein Schlaflied   Herbst 1997: Auf dem Wilzenberg wird eine junge Frau tot aufgefunden, ermordet durch einen Stich ins Herz. Der Täter lässt nichts zurück außer einer Spieluhr, die »Hush little baby« spielt. Gegenwart: Jan Römer, Reporter für ungelöste Kriminalfälle, rollt mit seiner Kollegin Mütze das Verbrechen neu auf. Warum trug das Opfer trotz der Kälte nur ein dünnes rotes Kleid? Warum kann niemand etwas zu dem Gästehaus im Wald sagen, in dem die Frau damals arbeitete? Dann wird wieder eine Frau getötet. Auch neben ihrer Leiche wird eine Spieluhr gefunden. Und Jan Römer begreift, dass die Vergangenheit nicht tot ist ...  

Der 1970 geborene Linus Geschke arbeitet als freier Journalist für führende deutsche Magazine und Tageszeitungen, darunter Spiegel Online und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Für das Special-Interest-Magazin 'unterwasser' verfasst er Tauch- und Reisereportagen, für die der gebürtige Kölner bereits mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeic net wurde.

DER UHRMACHER

Der Uhrmacher war in einem kleinen Dorf im Kreis Dithmarschen aufgewachsen, ganz im Westen Schleswig-Holsteins. Zweieinhalbtausend Einwohner, ein Supermarkt und eine Seehundstation. Bis zur nächsten Autobahn brauchte man eine Dreiviertelstunde, dafür lag die Nordsee direkt vor der Haustür. Wunderschöne Kindertage waren das gewesen, mit einer Familie, in der sich alles nur um ihn gedreht hatte. Seine Mutter hatte ihr erstes Kind bereits in der Schwangerschaft verloren, und als er sich dann angekündigt hatte, war sie fast schon zu alt gewesen, um noch ein Kind zu bekommen.

Bei seiner Geburt Mitte der sechziger Jahre flackerten gerade überall die ersten Studentenunruhen auf, die für seine Eltern allerdings wie Nachrichten aus einer anderen Welt geklungen hatten. Hier in Friedrichskoog hatte niemand protestiert. Man lebte im Rhythmus der Gezeiten, und das Aufregendste, was passieren konnte, waren blökende Schafe, die von schwanzwedelnden Hunden über den Deich gejagt wurden.

An seine Kindheit und Jugend hatte er nur gute Erinnerungen, und wenn ihn mit dreizehn, vierzehn jemand gefragt hätte, wie er sich sein weiteres Leben vorstellen würde, wäre die Antwort einfach gewesen: Er würde seine Jugendliebe heiraten, Tierarzt werden und für immer in Friedrichskoog bleiben. Das war seine Welt gewesen, und sie hatte im Norden an der dänischen Grenze angefangen und im Süden in Brunsbüttel geendet. Direkt an der Elbmündung – weiter war er in seiner Kindheit nicht gekommen, wenn man von den zwei Wochen Sommerurlaub absah, die er mit seiner Familie jedes Jahr in Schweden verbracht hatte.

Aber der Uhrmacher war nicht immer ein Kind geblieben.

Anfang der achtziger Jahre wurde in Deutschland die Friedensbewegung stärker, der Protest gegen denNATO-­Doppelbeschluss. 1981 demonstrierten 500000 Menschen auf den Bonner Rheinwiesen, 400000 in Amsterdam, 200000 in Brüssel. Er hatte die Bilder der Demonstranten im Fernsehen gesehen. Der Zusammenhalt der Menschen hatte ihn fasziniert, der Kampf für die gemeinsame Sache. Als zeitgleich im rund vierzig Kilometer entfernten Brokdorf die Proteste gegen das dortige Atomkraftwerk ihren Höhepunkt erreichten, hatte er sich auf sein Mofa gesetzt, eine blaue Kreidler Florett, und war hingefahren.

100 000 Demonstranten waren auf 10 000 Polizisten getroffen, die mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln versuchten, den Aufmarsch zu verhindern. Die beiden Gruppen waren ihm vorgekommen wie verfeindete Armeen, ständig verschob sich die Frontlinie, und irgendwann war er hineingeraten. Er trug keine Uniform und war im selben Alter wie die meisten Demonstranten gewesen, also hatten die Polizisten ihn der Gegenseite zugerechnet und zurückgedrängt. Dann war ein Stein über seinen Kopf hinweggeflogen, die Ordnungshüter reagierten mit Schlägen. Er wurde von Gummiknüppeln an Kopf und Schulter getroffen. Bis zu diesem Moment hatte er nur ein Beobachter sein wollen, die politischen Ziele der Linken waren ihm fremd gewesen. Doch in diesen Minuten wurde der Kampf gegen den Imperialismus, gegen die Unterdrücker zu seinem Kampf. Nicht weil er sich bewusst d