: Stefan Schweizer
: Die Akte Baader Biografischer Roman
: Gmeiner-Verlag
: 9783839255964
: 1
: CHF 6.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 328
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Andrea Baader wächst ohne Vater bei Mutter, Tante und Großmutter auf. Früh zeichnen sich trotz verzweifelter Bemühungen der Mutter schulische Probleme und berufliches Scheitern ab. Baader schlittert in die Kriminalität, bewegt sich gern in der halbseidenen Münchener Schickeria, um dann in Berlin einen Politisierungsschub zu erfahren. Mit der Kommune 1 und der Kaufhausbrandstiftung 1968 vollzieht sich sein Weg vom Rebell zum Revolutionär. Mit der Gründung der linksrevolutionären Roten Armee Fraktion (RAF) wird er zum Staatsfeind Nr. 1!

Stefan Schweizer wurde in Ravensburg geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Stuttgart und in Pittsburgh/USA. Nach der Promotion und dem Zweiten Staatsexamen arbeitete der Autor im Bildungswesen. 2017 zog er nach Potsdam, wo er sich voll und ganz dem Schreiben zuwandte. Schweizer ist erfolgreicher Autor von Sachbüchern über Terrorismus, Politik und Geschichte, aber auch im Bereich Literatur- und Kulturwissenschaft. Seine große Leidenschaft gilt aber dem Schreiben von Kriminalromanen.

3 Jugend und Schule


Andreas war während seiner gesamten Kindheit unstet und sprunghaft. Diese Wesenszüge bildeten zwei zentrale Charaktereigenschaften, die ihn Zeit seines Lebens begleiteten. Dadurch trieb er seine Lehrer und seine Mutter häufig beinahe in den Wahnsinn. Außerdem war sein Verhalten nur selten vorhersehbar. Andreas liebte es, die an ihn gestellten Erwartungshaltungen in vollem Bewusstsein zu durchbrechen, um sich dann an den Reaktionen der Beteiligten zu weiden. Sanktionen trug er mit Fassung, denn es ging ihm um den Spaß, die anderen zu ärgern. Einer seiner wenigen wirklich feinen Charakterzüge war, dass er häufig nach Gerechtigkeit strebte. Aus Mitleid teilte er mit Armen und Bedürftigen manchmal sprichwörtlich sein letztes Hemd. Als er einmal an einem warmen Sommertag mit seinem Freund Marcus Fußball hinter dem Haus bei den Wäscheständern spielte, bemerkte er, dass dieser todtraurig dreinblickte und sich nicht auf das Spielen konzentrierte.

»Was ist denn mit dir los?«, wollte Andreas wissen.

»Ich habe mein Geld verloren. Mutter hat es mir extra für Brause und andere Süßigkeiten gegeben«, antwortete der blonde Bub, und seine ohnehin schon wässrigen blauen Augen füllten sich mit Tränen.

Das Elend konnte Andreas nicht mit ansehen, und er wollte seinem Freund über die Trauer hinweghelfen und sich die unumwundene Bewunderung eines Freundes sichern. Schnell entschlossen ging er in die Stube hinauf und stibitzte sich den Geldbeutel seiner Mutter vom Küchenbuffet. Diesem entnahm er ohne jegliches schlechte Gewissen ein Fünfzigpfennigstück und rannte das Treppenhaus zu seinem Spielkameraden hinunter, der ihn nichts ahnend, aber erwartungsvoll anblickte.

»Komm, lass uns Bonbons beim Krämer kaufen«, frohlockte er, und zeigte Marcus das silberfarbene Geldstück.

»Aber das ist ja viel mehr Geld als …«, stammelte Marcus, und Andreas ergötzte sich weidlich an der verlegenen Überraschung des Freundes und an dem bewundernden Blick, den ihm dieser jetzt schenkte.

Als seine Mutter ihn am Abend unweigerlich zur Rede stellte, da sie den Diebstahl bemerkt hatte, wurde Andreas kleinlaut, aber er behielt sein Geheimnis für sich, sosehr ihn die Mutter auch drängte, sich zu offenbaren. Er beschloss insgeheim, den von seiner Mutter erlittenen Verlust wieder gutzumachen. Folglich lauerte er am nächsten Tag einem älteren, aber schwächeren Mitschüler auf, von dem bekannt war, dass er wohlhabende Eltern hatte und über ausreichend Taschengeld verfügte. Er passte ihn am Waldrand in einem unbeobachteten Moment ab, packte den schwitzenden Buben kräftig am Kragen und presste ihn mit aller Gewalt gegen den massiven Stamm einer Eiche. Hier zeigte sich Andreas’ andere Seite, die eiskalt, berechnend und zur rohen Gewalt gegen Unschuldige neigend sein konnte.

»Spinnst du denn?«, presste Eckart mit Mühe hervor, denn Andreas hatte ihm die rechte Hand an den Hals gelegt und würgte ihn ein wenig.

Widerstand gegen die Umsetzung seiner Wünsche und Vorstellungen waren ihm der größte Graus, weshalb er noch kräftiger zudrückte. »Gib mir eine Mark, sonst tut’s noch mehr weh«, forderte Andreas droh