1. KAPITEL
Die Luft stand in dem abgedunkelten Raum, und es war warm, aber nicht allzu unangenehm. Draußen auf den sanft gewellten, sonnengebleichtencampos dagegen würde die Hitze an diesem Julinachmittag beinah unerträglich sein.
Cassie wartete. Sie fühlte sich verschwitzt in dem grauen Leinenkostüm, das sie für die Reise von London zum riesigen Landsitz Las Colinas Verdes in Andalusien angezogen hatte. Von täuschend schlichter Eleganz, hatte es den Flug und die Taxifahrt bis hier draußen zu ihrer Erleichterung gut überstanden. Schließlich wollte sie unbedingt einen geschäftsmäßigen Eindruck erwecken.
Cassie strich sich über das dichte rötlich braune Haar, um sicherzugehen, dass sich keine Strähne aus dem strengen Knoten im Nacken gelöst hatte. Ihr Herz schlug gleichmäßig – auch das war ein Trost. Es gab überhaupt keinen Grund, sich aufzuregen. Immerhin war sie keine nervöse, verliebte Braut von einundzwanzig mehr. Inzwischen war sie drei Jahre älter und wesentlich klüger.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie in Anbetracht ihrer eher durchschnittlichen Erscheinung so gut aussah, wie es eben ging, warf sie einen Blick auf die Uhr und fragte sich, wie lange sie wohl noch würde warten müssen. Das Taxi, das sie nach der Fahrt vom Flugplatz Jerez abgesetzt hatte, war bereits vor einer guten halben Stunde wieder abgefahren. Allmählich empfand sie die Atmosphäre in dem düsteren Raum mit den vielen schweren Möbeln und den geschlossenen Fensterläden, die die gnadenlose Hitze abhalten sollten, als bedrückend.
„Ich lasse Ihrem Mann ausrichten, dass Sie hier sind“, hatte ihre Schwiegermutter Doña Elvira höflich erklärt. Höflich ist sie immer gewesen, erinnerte sich Cassie, auch wenn sie mich beleidigt hat. Ihre beiden älteren Schwestern, Romans Tanten, Tía Agueda und Tía Consuela hatten ihr unweigerlich alles nachgeplappert.
„Erwartet mein Sohn Sie?“ Doña Elvira hatte die aristokratische Nase gerümpft und damit verraten, dass sie wusste, dass Roman sie nicht erwartet. Bestimmt hatte er längst das bisschen Interesse verloren, das er vielleicht einmal für seine unpassende, von ihm getrennt lebende Frau gehegt haben mochte.
Da sie sich nicht mehr so leicht verunsichern ließ, hatte Cassie die Frage ignoriert und kühl geantwortet: „Ich werde warten. In der Zwischenzeit möchte ich mit Roy sprechen. Würden Sie so nett sein und ihn mir herschicken?“
Deshalb wartete sie nun. Ihr in Ungnade gefallener Zwillingsbruder Roy war offenbar unabkömmlich. Als Teil der Strafe, die ihm kurz zuvor auferlegt worden war, hatte man ihm die Aufgabe übertragen, draußen in der gleißenden Sonne Zäune zu errichten. „Ich stehe auf Las Colinas Verdes unter Hausarrest, bis Roman sich entscheidet, was mit mir geschehen soll“, hatte er sich bei jenem Telefonat vor zwei Tagen verzweifelt beklagt. „Zehn Jahre in spanischen Gefängnissen halte ich nicht aus, Cassie.“ In einem Anflug von Panik fügte er hinzu: „Eher nehme ich mir das Leben! Du könntest Roman bestimmt dazu bringen, auf eine Anzeige zu verzichten. Auf mich hört er nicht. Du kennst ihn ja – er hat eine scharfe Zunge und behält, selbst während er mich zurechtweist, seine undurchdringliche Miene bei, so dass ich nie weiß, was er denkt! Deshalb ist es mir bisher nicht gelungen, ihm meinen Standpunkt klarzumachen.“
„Ich rufe ihn heute Abend an“, versprach Cassie widerstrebend. Sie konnte die Enttäuschung über das Verhalten ihres Bruders kaum ertragen, und dass er sie einfach in den Schlamassel hineinzog, den er angerichtet hatte, machte sie fast krank. „Das Telefonat führe ich lieber von der Wohnung aus. Hier in der Boutique ist im Moment zu viel los.“ Am ersten Tag des Sommerschlussverkaufs war der Laden voll mit Schnäppchenjägern. Ihre Chefin und beste Freundin Cindy Corfield gab ihr bereits Zeichen, dass sie ihr Gespräch beenden und nach vorn kommen solle, um ihr zu helfen. „Obwohl er auf mich wahrscheinlich genauso wenig hört wie auf dich“, warnte Cassie Roy. Ihre Stimme hatte heiser geklungen, denn die Kehle war ihr wie zugeschnürt. „Wenn ich ihn bitte, dich nicht vor Gericht zu bringen, wird er vermutlich genau das Gegenteil tun, nur um mir eins auszuwischen. Du hättest gar nicht erst so etwas Idiotisches anstellen sollen!“
„Ich weiß, und es tut mir auch leid – aber verdammt, Cassie, es nützt mir gar nichts, wenn du ihn nur anrufst. Er wird einfach auflegen, denn sein Stolz macht ihn total unnachgiebig. Du kennst doch Roman. Komm lieber her! Dann kann er dich nicht ignorieren. Er wird schon auf dich hören. Cass, der Mann liebt dich immer noch, auch wenn du ihn verlassen hast.“
Das war natürlich absurd. Roman Fernandez hatte sienie geliebt. Er hatte sie nur geheiratet, weil es damals seinen Zwecken diente. Und sie? Darüber dachte sie lieber nicht nach. Niemals. Vor drei Jahren war sie naiv und schrecklich verletzlich gewesen. Roman hatte ihre Tränen getrocknet und sie unglaublich glücklich gemacht. Leider war es ein kurzlebiges Glück gewesen. Es hatte kaum die Hochzeit überdauert. Aber genug davon. Sie war heute eine reife Frau, die nichts davon hielt, lange über die Fehler der Vergangenheit nachzugrübeln. Nur weil sie den größten Teil ihres Lebens für ihren leichtfertigen Zwillingsbruder eingetreten war, hatte sie sich breitschlagen lassen, zu tun, worum er sie bat. Vermutlich hatte Roy es nicht v