Erster Teil
Die schwarze Katerine
Motto:
Wär’ ich ein häusliches Weib und hätte, was ich bedürfte,
Treu sein wollt’ ich und froh, herzen und küssen den Mann.
So sang unter andern gemeinen Liedern ein Dirnchen
Mir in Venedig, und nie hört’ ich ein frömmer Gebet.
Goethe
Knapp hinter der glänzenden Straße, die ein Zentrum des großstädtischen Gesellschaftsverkehrs ist, – auf deren breiten, reinlich asphaltierten Trottoirs sich täglich viele Hunderte von eleganten Herren und geschmückten Damen – müßige Spaziergänger – anlächeln und begrüßen, beginnt jäh und unvermittelt – in allzu schroffem Übergange fast – das Reich der Finsternis. Man biegt bei dem Louvre de Luxe um, einem hochaufstrebenden Bau in reinem, modernem Stil, verfolgt einige Schritte lang die edlen, prunklosen Linien seiner Seitenfront und steht nach zweiter scharfer Wendung am Eingange eines Sackgäßchens, dessen oberes Ende von einer hohen Gartenmauer begrenzt wird. Wenn die Dämmerung hereinbricht und das matte behagliche Grau des Abends sanft über die Dächer der großen Stadt niederrieselt, sinkt unser kleines Gäßchen ohne weiteres in trübselige Nacht. Die Häuschen schrumpfen zusammen – die Torbögen verlieren sich im Schatten – und während die Hauptstraße gleißende Abendtoilette anlegt – flammt hier nur eine einzige rote Laterne auf – schließt ihre nächste Umgebung in einen blutigen Kreis ein … Kundige Hände schieben in einzelne der niederen Fensterchen schwelende Öllampen ein.
Die blassen Flämmchen, vom Winde, der durch Ritzen und Löcher fährt, unruhig bewegt, zucken hin und her, rufen und betteln.
– Sie sind die stummen Wegweiser. …
Die Hauptstraße wird still und stiller, die Läden schließen, die eleganten Müßiggänger haben heimgefunden, nacheinander versprühen die knisternden Lampen, und den Putz und Glanz und Luxus decken graue Rollvorhänge bedachtsam zu. Da wacht dort hinten das Leben auf und öffnet hungrig seine versponnenen Schlafaugen. Da öffnen sich Fenster, rostige Torflügel knacken, da schwingt die Luft von Fragen, Plaudern, Lachen. Da fliegen Wolken von Moschus, und Veilchendüfte fliegen auf; Seide raschelt, und Silberreifen klittern, wenn die buntgekleideten Gestalten röckeschürzend aus dem Dunkel der namenlosen Gasse eilen.
Sie sind’s!
Geschminkte Lippen, darauf ein lustiges Liedchen blüht! Wiegende Hüften, die das strammsitzende Mieder verformt! Augen, deren gieriger Schein erst mit dem Lichte kämpfen muß … Und das spendende Lächeln eingesargt in einer Grimasse! So zieht der Zug von Frauen auf die schöne, blank asphaltierte Hauptstraße hinaus. Der Markt der Liebe ist aufgetan:
Die Buden des Glückes sind gezimmert, und die Verkäuferinnen harren ihrer Kunden. Sie brauchen nicht lange zu warten. Da kommen sie von ihrer Mutter entlassen – oder ihren Bräuten – vom Weine oder von den ernsten Büchern, aus dem Tanzsaale oder aus der Kirche – einerlei – hier finden sie sich, schlingen den Reigen … Jetzt schüttelt die Nacht ihre schwarzen Röcke, ein Grüßen, Kichern und hastiges Zurufen beginnt. Durch Flüstern und Flehen rascheln Zahlen, widerliches Sichverständigen klingelt zwischen Seufzern der Sehnsucht, und das stumpfe Beharren der Dirne siegt über die entfesselte Brunst des Begehrenden. Mit hochgezogenem Mantelkragen folgen die Männer den Führerinnen, – die schnell in das namenlose Gäßchen zurückeilen, und einen kleinen Augenblick nur tropft das rote Blut der Laterne fragend über die fremden Gesichter hin.
Dann verschluckt die Finsternis, was sich in ihrem Bereiche gepaart hat.
Tagsüber liegt dieses Eckchen Welt still und versponnen da. Die Gardinen sind überall zugezogen, die Tore geschlossen, man hört selten Kinderlärm oder nachbarliches Geplauder. In diesem Viertel wachsen keine fröhlich spielenden Kinder auf. Hier wohnt das Laster und seine vogelfreien Gesellen, – das Verbrechen und seine versteckte Duldung; alles findet gefälligen Unterschlupf, das haltlos von der Ehrbarkeit des bürgerlichen Lebens abgeglitten ist. Diebe und Diebshehler, Bauernfänger, Kuppler, die „leichten Kunden“, wie sie bei der Polizei sagen, finden sich in den beiden verrauchten, ebenerdigen Cafés zusammen, von denen eines die berüchtigte Mama Zimmermann hält. Hier schleichen die Burschen mit gefüllten Taschen hinein, lassen sich von den Mädeln karessieren, anstaunen, werden gesprächig und freigebig; sie hauen Schmuck auf den Tisch und gröhlen dazu – bis sich eine eiserne Hand auf ihre Schultern legt, die sie auftaumeln läßt.
Kontrollmädchen überschwemmen die kleinen, feuchten, elend gebauten Häuschen, denn die Gegend ist ergiebig, sehr beliebt und überfallssicher.