: Marta Karlweis
: Johann Sonnleitner
: Das Gastmahl auf Dubrowitza Roman
: DVB Verlag
: 9783950415889
: 1
: CHF 15.00
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
Sein und Schein, Trug und Blendwerk, reine Fassade - für all das gibt es seit mehr als zweihundert Jahren eine klingende Redewendung: Potemkinsche Dörfer. In ihrem 1921 erstmals im S. Fischer Verlag erschienenen Roman zeichnet Karlweis farbenprächtig und mit viel Sinn für menschliche Abgründe die berühmt-berüchtigte Fahrt Katharinas der Großen durch ihre südrussischen Provinzen an die Krim nach. Der vermeintliche Reichtum ihres blühenden Landes, ja ihr ganzes Lebenswerk, entpuppt sich dabei bald als perfide inszenierte Farce: Ihr Günstling und Liebhaber Fürst Potemkin hat ein Kartenhaus um sie herum errichtet, das der Wind des Zufalls am Ende donnernd zu Fall bringt.

I


Jelena Wasiliewna Tschernitschewa zählte achtundzwanzig Jahre, als Alexei Orloff, ein ehemaliger Regimentskamerad ihres Gatten, des Grafen Ilja Zachariewitsch Tschernitscheff, den Kaiser Peter in Ropscha erwürgte unter Beistand etlicher halbverzweifelter Gesellen. Graf Tschernitscheff hatte die Revolution von 1762 mit inneren Vorbehalten mitgemacht; vor solcher Vergewaltigung heiliger Gesetze schauderte er zurück, seine Hoffnung auf die Kaiserin Katharina trübte sich, und der stille Wandel seiner Gesinnung wurde ruchbar. Alsbald wurde ihm ein höheres Kommando in Kiew übertragen und, obgleich gerade die Brüder Orloff auf seine Entfernung gedrungen, erschien Alexei im Augenblick der Abreise vor dem Hause Tschernitscheff, umarmte den widerstrebenden Grafen und zeigte unter tausend Tränen eine wilde und reuevolle Zerrüttung. Ilja Zachariewitsch schüttelte ihn leise ab und bestieg die Kutsche, in der Jelena Wasiliewna mit ihren Kindern saß. Den Kindern hatte sie unter irgendeinem Vorwand die Augen verdeckt, vielleicht damit sie den nicht sehen sollten, der ihrem Vater am Halse hing.

Graf Tschernitscheff focht mit Glück und Tapferkeit gegen die Türken. Er erhielt den Marschallstab, aber er verblieb fern von Petersburg, denn nunmehr waren seine Talente und sein Charakter der aufsteigenden Größe Grigorij Potemkins hinderlich im Wege. Die Marschallin hatte indessen ihre beiden Kinder an den Pocken verloren und strebte keineswegs nach dem Glanze höfischen Lebens. Dennoch berührte sie dieses sichtbare Bestreben, ihren Gatten fernzuhalten, tiefer, als sie ihrer schweigsamen Art nach verriet.

Nach dem frühen Tode des Feldmarschalls begab sie sich nach ihrem Gut Tschertschersk, neun Tagereisen nördlich von Kiew. Die Geistlichkeit des kleinen Städtchens zog ihr mit den Heiligenbildern der kleinen Kirche entgegen, die Leibeigenen empfingen sie mit Salz und Brot.

Nebst einiger Dienerschaft brachte die Marschallin zwei invalide Offiziere niederen Ranges nach Tschertschersk. Der eine, Anton Antonowitsch Müller, hatte das rechte Bein, der andere, Karl Stepanowitsch Adam, den linken Arm verloren. Beide waren Deutsche und hatten unter Tschernitscheffs Kommando gegen die Türken gekämpft. Dienstunfähig geworden, vermochten sie trotz schriftlicher Gesuche und mannigfacher Vorstellungen ihre Pensionen nicht zu erhalten. Sie wandten sich an den Feldmarschall. Dieser schrieb nach Petersburg, allein niemand fand sich persönlich daran interessiert, ihm zu dienen. Es erfolgten zwar schönfärberische Antworten und Beteuerungen, allein die Pensionen blieben hinterzogen. Der Marschall nahm die beiden Deutschen in sein Haus, und übertrug ihnen Aufsichtsämter. Wie bitter ihn der ganze Handel, so geringfügig er war, verdroß, erfuhr mit seinem Willen nicht einmal Jelena Wasiliewna, die gleichfalls keine Silbe darüber verlor.

Der Gutshof Tschertschersk, vier Werst vom Städtchen entfernt, sah aus wie ein Dorf, das vom Himmel auf eine weitläufige Waldlichtung gefallen wäre. Stallungen, Dienerhäuser, Bade