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Geselligkeit braut sich zusammen. Die Eingangstür kommt nicht zur Ruhe. Rasch hintereinander treten sie ein, die Wortführer des gestrigen Abends, die Zeremonienmeister des Frohsinns, des strammen Übermuts, laut klatschen die Körper auf die Stühle am Stammtisch, Hände werden gerieben, der Wirt aus der Küche herbeigejohlt, Bierdeckel durch die Luft geschnippt, aufgefangen, fröhlich fluchend zurückgeschnippt oder vor sich hingelegt, rotwangige Biererwartung, alle sitzen da wie Kinder an Heiligabend vor der Bescherung, jeder Satz ein Witz, ins Wort fallende Konversation, Satzfetzen, Wortwracks, Silbenstakkato. Schon rauscht der Wirt heran, ein großes Tablett mit gefüllten Gläsern vor sich hertragend, wie ein Beutestück, das jetzt verteilt werden muss, dunkle Laute der Entzückung, hellere des Übermuts schlagen ihm entgegen, ein heiter-höhnisches Dankbarkeitsspektakel, das er ohne jede Regung über sich ergehen lässt, dann geht er wieder zur Theke, nicht ohne den Mann, den kleinen Mann mit dem schütteren Haar, und anschließend den Alten in der Ecke nahe der Musikbox ebenfalls mit Bier versorgt zu haben.
Der hat sich den besten Platz ausgesucht, denkt der Mann, weit weg vom Lärm der Menge, jedenfalls so weit, wie es in diesem Raum möglich ist. Aber auch er wird noch einiges abbekommen, und wenn der Erste Geld in die Jukebox einwirft und die ersten fünf oder zehn Titel gewählt haben wird, dann gibt’s auch für ihn, den weißhaarigen Alten, kein Entrinnen mehr vor den Ausgelassenheitsattacken der Stammgäste. Der Mann steckt sich eine Zigarette an und trinkt an seinem Bier. Er macht sich keine Illusionen. Bald schon wird er bei den andern am Stammtisch sitzen und den Gaukler der Vergangenheit spielen, den Tratschclown des Gewesenen, so wie gestern, und so wie schon viele Male zuvor an anderen Orten und vor anderen Menschen, aber vielleicht sind es ja immer die gleichen Orte und die gleichen Menschen, ganz ausschließen will er das nicht.
Die wuseligen Leiber der Stammrunde sind nun auch wirklich heftig in Bewegung geraten und zur Riesenkrake verschmolzen. Zwei der Männer, einer mit schiefer Unterlippe, der andere mit Zahnlückengrinsen, winken herüber, rufen den Mann beim Namen, deuten auf einen freien Platz in ihrer Runde. Der Mann zögert nicht lange, er steht auf, nimmt sein Glas, geht die paar Schritte zum großen Tisch, setzt ein verschämtes Lächeln auf, was ihm fürs Erste als Dank und Begrüßung zu genügen scheint, setzt sich, nimmt eines der ihm entgegengestreckten Schnapsgläser, leert es und nimmt gleich danach noch einen großen Schluck aus seinem Bierglas. Wer das Immergleiche zu zelebrieren versteht, denkt der Mann, der macht Vergangenheit zur Gegenwart. Alles ist Gegenwart, alles. Aber was soll er mit dieser Gegenwart, die doch nur Vergangenheit ist? Gibt es für ihn eine Gegenwart ohne Vergangenheit? Wird er die nur los, wenn er seine Gegenwart los wird? Nicht denken, denkt er, einfach reden. Und trinken.
Der Mann nimmt eines der neuen Biere in Empfang, die der Wirt auf den Tisch gestellt hat. Auch die anderen bedienen sich. Wie ein Vater soll er ja gewesen sein, was man so hört, sagt einer, streng und doch voller Zuneigung zu seinen Schützlingen. Und ein ausge