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Donnerstag, 25. August 1977
Die Schönheit war nackt. Ein Schrei lag auf ihren Lippen. Die Augen hielt sie geschlossen, während weißer Schaum auf ihre Brüste spritzte. Dem Genuss verfallen saß die Frau in der Brandung des Meeres und ließ sich von seiner Gischt umtosen. Sie bemerkte die beiden Männer nicht, die hinter einer Palme hervorlugten – mit Blicken voller Gier.
„Nun, wie gefällt ihnen die Szenerie?“, fragte der Kunstmaler Theodor Kies. Das Ölgemälde der Badenixe hing in seiner Karlsruher Wohnung, die dem Weißhaarigen auch als Atelier diente. Gespannt wartete er auf die Antwort der potenziellen Käufer. Das Ehepaar Ellwanger war eigens aus Bad Bergzabern an der südlichen Weinstraße angereist, um ein Bild für ihren Bungalow zu erwerben. Theo Kies schätzte das Alter der Besucher auf Ende zwanzig, Anfang dreißig. In diesen schnelllebigen Zeiten, da mit Sofortbildkameras jedes Motiv zu Tode geknipst wurde, freute es ihn, wenn sich junge Menschen für wahre Kunst interessierten. Zudem ließ ihr gepflegtes Äußeres auf Finanzkraft schließen. Frau Ellwanger trug ein Chanel-Kostüm, ihr Mann einen dunklen Anzug. Was er beruflich machte, wusste Kies nicht, aber sein Erscheinungsbild entsprach dem eines Bankangestellten.
Herr Ellwanger legte den Kopf schief und beäugte das gerahmte Bild.
„Sieht aus wie die Reklame fürAtlantik Seife.“
Kies holte tief Luft. Hatte es dieser Jungspund allen Ernstes gewagt, sein Werk mit einer Seifenreklame zu vergleichen? Er überspielte die Kränkung, indem er die Mundwinkel unter dem Schnurrbart zur Imitation eines Lächelns verzog. Frau Ellwanger sprach laut aus, was ihm durch den Kopf ging.
„Banause!“, schimpfte sie ihren Gatten. „Verzeihen Sie seine Unwissenheit, Herr Kies. Mein Mann erkennt nicht, dass Ihr Gemälde eine moderne Variante der biblischen ErzählungSusanna im Bade ist, stilistisch angelehnt an den Akt von Tintoretto aus der Zeit um 1555. Im Zentrum steht eine Frau, deren gottgegebener Körper durch Blicke vergewaltigt wird. Der Betrachter des Bildes fühlt sich von der Lüsternheit der Spanner abgestoßen, sieht in ihnen aber gleichzeitig seine eigenen voyeuristischen Triebe gespiegelt. Ich nehme an, Sie möchten damit die Schaulust unserer Gesellschaft kritisieren?“
„In der Tat, gnädige Frau!“, strahlte Kies. „Ihre Interpretation ist wunderbar! Wenn Sie mich fragen, leben wir in einer schändlichen Epoche, in der Kunst weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird als Peep-Shows und Schmuddelfilmen.“ Er lachte Frau Ellwanger an. Eine bemerkenswerte Dame, die Sachverstand und Schönheit vereinte. Ihr ebenholzfarbenes Haar war in der Mitte gescheitelt, die Augen leuchteten meeresblau. Wäre er ein paar Jahre jünger und nicht so glücklich verheiratet, hätte er ihr den Hof gemacht – ihrem stumpfsinnigen Mann zum Trotz. Gertrud Kies, seit beinahe fünfzig Jahren Theos Ehefrau, kam mit frisch gekochtem Kaffee aus der Küche und bat die Gäste ins Wohnzimmer.
„Haben Sie sich inzwischen für ein Bild entschieden?“, fragte sie.
„Meine Frau hätte am liebsten `n Porträt von Elvis“, grinste Ellwanger. „Fährt total auf den King ab. Hat seinen Star-Schnitt damals aus derBravo ausgeschnitten und übers Bett gehängt.“
„Bedaure, nicht meine Stilrichtung“, sagte Kies, „obwohl mir der Name Elvis Presley selbstverständlich ein Begriff ist. Er ist vor Kurzem verstorben, richtig?“
„Ja, am 16. August“, antwortete Frau Ellwanger. „Ein trauriger Tag.“ Sie sah aus dem Fenster auf die Blumenstraße in Karlsruhe. Gegenüber lag das Gebäude der Bundesanwaltschaft. „Zweiundvierzig ist kein Alter zum Sterben. Wie sagt man? Nur die Besten sterben jung.“
Ihr Mann schnaubte verächtlich. „Ich vermisse ihn nicht. Elvis ist ein Markenprodukt des amerikanischen Imperialismus gewesen, wie Coca-Cola und Micky Maus.“
„Du redest heute einen Unsinn daher!“, rief sie. „Hast duIn the Ghetto vergessen? Den Song hat er `69 herausgebracht und darin glasklar die sozialen Mi