: Tereza Vanek
: Chinatown
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419674
: 1
: CHF 13.50
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 330
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ende der Zwanziger Jahre begegnen sich in Hamburgs Chinesenviertel fremde Welten: Zwei schrille junge Frauen schlendern Arm in Arm durch St. Pauli. Die eine trägt kurzes, kupferrotes Haar und einen kurzen Rock, die andere gar Männerkleider. Staunend schaut ihnen die Prostituierte Mai Ling nach - diese Frauen benehmen sich wie ein Liebespaar! Besonders die aufgeweckte Rothaarige hat es Mai Ling angetan. Eigentlich kann Mai Ling kaum noch etwas zum Staunen bringen. Elend kennt sie schon aus Shanghai gut genug. Ihre Familie verarmte, weil der Vater wegen politischer Aktivitäten verfolgt wurde. So war das Leben als wohlbehütete Tochter aus gutem Hause schon vorbei, ehe der Zuhälter Deng Wu sie nach Deutschland schmuggelte. Der geldgierige Chinese betreibt von Hamburg aus nicht nur Frauenhandel, er schreckt auch vor Kokaingeschäften mit Rechtsradikalen nicht zurück. Seine Dealerei hat schlimme Folgen - für Mai Ling, die von den Männern brutal misshandelt wird. Als Retterin in der Not erweist sich ausgerechnet Deng Wus Schwägerin, eine 'Langnase'. Die Deutsche versteckt Mai Ling bei einer Freundin, die die Schwerverletzte eher ungern aufnimmt: Die hübsche Alexandra mit dem kupferroten Haar zöge lieber weiterhin mit ihrer Anzüge tragenden Freundin Sarah durch die Bars. Sie liebt das Leben, hasst ihren Sekretärinnenjob und träumt von Erfolgen als Jazzsängerin. Doch mehr und mehr schließt sie ihren Schützling ins Herz. Die Ereignisse spitzen sich zu. Sarah, eine Jüdin, wird von Rechtsradikalen zusammengeschlagen, und Mai Lings Versteck fliegt auf - erst als sie verschwunden ist, merkt Alexandra, dass sie sich längst in die Chinesin verliebt hat. Sie macht sich auf die Suche und kämpft für einen Ausweg für sich und Mai Ling... Von einer zauberhaften Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, erzählt Tereza Vanek vor dem Hintergrund von Geschehnissen, die bereits das Jahr 1933 ankündigen.

Tereza Vanek, 1966 in Prag geboren, kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach einem philologischen Studium arbeitete sie in London. Später kehrte sie nach Prag zurück, wo sie als Fremdsprachen-Dozentin tätig war. Heut lebt und arbeitet Tereza Vanek in München. Sie beschäftigt sich intensiv mit geschichtlichen Themen, die sie in ihren historischen Romane aufgreift.

1. KAPITEL


Mai Ling warf einen letzten Blick auf die riesigen Dampfer, denen die Gerüche fremder Länder und die duftende Weite des Ozeans anzuhaften schienen, und überquerte dann ohne Eile den Fischmarkt. Menschengetümmel hüllte sie ein, umschloss sie wie eine sichere Mauer, so dass sie sich in ihrer Fremdheit geborgen fühlte. Langsam drängte sie sich an den Ständen vorbei, musterte die glitzernden Leiber toter Fische, den bunten Teppich aus Obst und Gemüse, um schließlich vor einem Tisch mit springenden Holzfröschen stehen zu bleiben. Forschend betrachtete sie einen gelbgrünen Frosch und nahm ihn vorsichtig auf. Als Kind hatte sie ein ähnliches Spielzeug besessen. Miss Johnson, ihre Lehrerin, hatte ihr eine Ente zum Geburtstag geschenkt, die sich selbst bewegen konnte, wenn man sie auf den Boden setzte und anschubste. Vielleicht hatte diese Ente ihretwegen damals den weiten Weg von Europa nach China gemacht? Mai Ling starrte eine Weile versonnen auf das kleine Wunder der Mechanik in ihrer Hand und grübelte, welche Federn und Schrauben ihm wohl die Illusion von Leben einhauchten.

»Tsching, tschang, tschong«, erklang es an ihrer Seite. Kurz wandte sie den Kopf, um in zwei helle, weiche Kindergesichter zu schauen. Ein vielleicht sechsjähriger Knabe mit strohigem Haar kicherte kurz. Er musste der Sprecher gewesen sein, denn sein weniger frecher Freund hatte sich bereits verlegen abgewandt. Mai Ling richtete die Augen ruhig und eindringlich auf das spöttische Gesicht des Jungen, hielt seinen Blick fest und sah, wie die bleiche Haut von einer Flut von Röte überschwemmt wurde.

»Tut mir leid, Fräulein. Tschuldigung«, murmelte der Junge, plötzlich kleinlaut geworden. Mai Ling machte durch ein Lächeln klar, dass sie ihm bereits verziehen hatte. Sie wollte nach seinem Namen fragen, vielleicht eine kurze Unterhaltung beginnen, denn es gab nur wenige Menschen hier, mit denen sie zu reden wagte. Ein Kind schien ihr unschuldig, selbst in seiner gelegentlichen Bosheit. Doch bevor sie ein Wort über die Lippen bringen konnte, legte sich eine breite, zupackende Hand auf die Schulter des Jungen, um ihn fortzuziehen. Mai Ling spürte, wie ein abfälliger Blick sie streifte, dann wurden beide Kinder von der Menschenmenge verschluckt. Der Verkäufer springender Holzfrösche sah die Fremde, die ihm soeben ein Geschäft verdorben hatte, vorwurfsvoll an. Sie entfernte sich schweigend, versank wieder in der Welt des Hafens.

Tagtäglich spieen Schiffe Menschen aus, die in diesem Land der Langnasen fremdartig wirkten und gleich hinter den Kais von Sankt Pauli ihr neues Zuhause fanden, wo sie ihre Fremdheit mit der Fremdheit anderer teilen konnten. Nussbraune und schokoladenfarbene Gesichter zogen an Mai Ling vorbei, vermischten sich mit der Menge bleicher Gestalten, deren Haut in der Sommersonne mitunter zu einem hellen Rot verbrannte.

Wortfetzen drangen an ihr Ohr.