Tatsächlich nämlich gingen jene Erzählsituationen, denen die Grimms ihre Märchen naturgemäß zugeordnet hatten, gar nicht verloren, sondern entstanden genau zu der Zeit, als die «Kinder- und Hausmärchen» erstmals auf dem Buchmarkt erschienen – nicht zufällig passend zum Weihnachtsgeschäft des Jahres 1812.[1] Zwar rechneten sowohl die Herausgeber als auch der Verleger mit einem beträchtlichen Verkaufserfolg, und sie durften darauf schon deswegen hoffen, weil sich ein steigendes Interesse an dieser Gattung abzeichnete: Seit der Spätaufklärung waren die «Volksmärchen der Deutschen» (Johann August Musäus, 1782) oder «Kindermärchen aus mündlichen Erzählungen gesammelt» (Wilhelm Günther, 1787) erschienen. 1808 hatte ein Namensvetter der Brüder Grimm, Albert Ludwig Grimm, einen Band mit «Kindermährchen» herausgegeben. Und wenige Monate vor den «Kinder- und Hausmärchen» publizierte Johann Gustav Büsching einen Band mit «Märchen und Legenden». Die Grimms aber setzten sich von allen diesen Vorgängern ab, distanzierten sich also von der tatsächlichen Tradition der Märchensammlungen und erhoben im Namen einer imaginierten einen radikalen Innovationsanspruch. Es «existirt noch keine Sammlung in Deutschland» wie die ihre, versprachen sie in der Vorrede.[2]
Aus Perspektive des Verlags war dies keine gute Strategie. Als die Grimms 1819 die zweite Auflage planten, lagerte noch rund ein Drittel der Erstauflage von tausend Exemplaren in den Regalen und wurde makuliert. Bis in die 1830er Jahre lief es nicht wirklich besser. 1825 aber erschien eine Auswahledition, die die Grimms nach dem Vorbild einer englischen Märchensammlung veranstaltet hatten. Diese ‹kleine› Ausgabe tat sich auf dem Buchmarkt leichter und kam dem Projekt insgesamt zugute. Mehr als zwanzig Jahre nach der ersten ‹großen› Ausgabe interessierte sich allmählich ein breiteres Publikum für die «Kinder- und Hausmärchen». Von 1833 an erschien die ‹kleine› Ausgabe beinahe kontinuierlich im Dreijahresrhythmus;[3] seit der dritten Auflage von 1837 wurde auch die ‹große› in regelmäßigen Abständen nachgedruckt.[4] Endlich avancierte die Sammlung zu jenem Hausbuch der Deutschen, das die Grimms immer schon versprochen hatten.
Die Märchen, die die Brüder im Verlauf der Bearbeitungsgeschichte zur «Gattung Grimm» (André Jolles) formten, entwickelten ihre Anziehungskraft mithin nicht gegen die Moderne, gegen die Verbürgerlichung der Verhältnisse und gegen die Rationalität einer entzauberten Welt. Ihr Erfolg war vielmehr die Folge jener fundamentalen Veränderungen der Sozialstruktur, der kulturellen Verhältnisse, der politischen Leitvisionen und dann auch der Regierungspraktiken, die sich seit dem 18. Jahrhundert abzeichneten. Um es zuzuspitzen: Die gute alte Zeit einer Wohlfühlgemeinschaft, die soziokulturell hochgradig integrativ war, über ein kollektives Traditionsbewusstsein und über einen vitalen Erzählschatz verfügte, der die Nation mit Energie und Leben versorgte, ist eine Erfindung der Moderne. Der Mythos von der ‹guten alten Zeit› erweist sich als elementarer Bestandteil eines Prozesses, in dem sich die Gesellschaft ausdifferenziert, die Zusammenhänge komplexer werden und die Verhältnisse distanzierter. Erst unter diesen Bedingungen avancierte die bürgerliche Kleinfamilie zur zentralen Sozialisationsinstanz,[5] erst jetzt trennten sich Öffentliches und Privates so, dass sich ein sozialer Raum für die Verwirklichung jener Intimitätsphantasie ergab, die seitdem Familien mit dem Leitbild einer natürlich-innigen Beziehung zwischen Eltern und Kindern unter liebevollen Druck setzte. Die Moderne bedrohte die märchenhaften Mythen nicht, sondern ermöglichte sie zuallererst. In dieser Umgebung stellten sich im Lauf der Zeit jene Selbstverständlichkeit und Popularität der «Kinder- und Hausmärchen» ein, die die Grimms eigentlich faszinierten: «Wo sie noch da sind, da leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder abgeschmackt, man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freut sich daran ohne einen Grund dafür: so herrlich ist die Sitte, ja auch das hat diese Poesie mit allem unvergänglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt seyn muß.»
Modern aber ist diese Idee von der Selbstverständlichkeit des Märchens nicht nur wegen dessen Platzierung in der bürgerlichen Familienwelt, sondern weil sich die Grimms damit auch auf eine sehr eigenwillige Weise die Grundidee der modernen Autonomieästhetik aneigneten. So beglaubigte Wilhelm Grimm seine Märchenästhetik mit einem Zitat aus Goethes «Dichtung und Wahrheit»: «Die wahre Darstellung hat keinen didaktischen Zweck.»[6] Immanuel Kant hat den Kerngedanken dieser Ästhetik der Zuneigung «ohne einen Grund» auf die prägnante Formel vom «interesselosen Wohlgefallen» g