: Herfried Münkler, Jürgen Kaube, Wolfgang Schäuble, Horst Bredekamp, Georg Nolte, Steffen Martus, Wil
: Grit Straßenberger, Felix Wassermann
: Staatserzählungen Die Deutschen und ihre politische Ordnung
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644100596
: 1
: CHF 13.00
:
: Politik
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Staatserzählungen: Ein aktueller Blick auf die Rolle des Staates in Zeiten politischer Unordnung In einer Welt voller Extremismus, Globalisierung und weltpolitischer Verwerfungen ist es wichtiger denn je, die Rolle des Staates zu hinterfragen. Staatserzählungen versammelt Beiträge renommierter Experten wie Herfried Münkler, Jürgen Kaube, Wolfgang Schäuble, Horst Bredekamp und Georg Nolte, die aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten, was der Staat heute leisten kann und muss. Die Autoren widmen sich grundlegenden Fragen: Was bedeutet es, in der heutigen Zeit Staatsbürger zu sein? Wie haben sich die Bilder des Staates in der Bundesrepublik gewandelt? Welche Rechte hat der Staat im Kampf gegen Gewalt und Terror? Und warum brauchen wir eine neue Erzählung Europas? Ergänzt durch den Blick von Wolfgang Schäuble aus der politischen Praxis, bietet dieses Buch eine dringend benötigte Bestandsaufnahme und zeigt Wege auf, wie die Demokratie zukunftsfähig gemacht werden kann. Ein Muss für alle, die verstehen wollen, was der Staat heute leisten muss, um die politische Ordnung zu gestalten und den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.

 Herfried Münkler, geboren 1951, ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und eine unverzichtbare, prägende Stimme in den Debatten unserer Gegenwart. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa  «Imperien», «Die Deutschen und ihre Mythen», «Der Große Krieg» oder «Die neuen Deutschen» (mit Marina Münkler), allesamt Bestseller. Zuletzt erschienen «Welt in Aufruhr» und «Macht im Umbruch», die ebenfalls lange auf der «Spiegel»-Bestsellerliste standen. Herfried Münkler wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Wissenschaftspreis der Aby-Warburg-Stiftung, dem Carl Friedrich von Siemens Fellowship, dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch.  Jürgen Kaube, geboren 1962, ist Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». 2015 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis. Kaube ist Autor mehrerer Bücher, die zu Bestsellern wurden. Über «Die Anfänge von allem» (2017) schrieb die «Süddeutsche Zeitung»: «ein ungemein lesenswertes Buch, unfassbar interessant». «Hegels Welt» (2021) wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet.  Steffen Martus, geboren 1968, lehrt als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er schreibt regelmäßig für die «Süddeutsche Zeitung», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und «Die Zeit». Seine Biographie der Brüder Grimm war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, sein Epochenporträt der Aufklärung hob die «Zeit» als «ein faszinierendes Panorama» hervor, »modern und dynamisch, ein Jahrhundert erscheint in Bewegung und Konflikt». 2015 wurde Steffen Martus für sein wissenschaftliches Werk mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. 

II.


Tatsächlich nämlich gingen jene Erzählsituationen, denen die Grimms ihre Märchen naturgemäß zugeordnet hatten, gar nicht verloren, sondern entstanden genau zu der Zeit, als die «Kinder- und Hausmärchen» erstmals auf dem Buchmarkt erschienen – nicht zufällig passend zum Weihnachtsgeschäft des Jahres 1812.[1] Zwar rechneten sowohl die Herausgeber als auch der Verleger mit einem beträchtlichen Verkaufserfolg, und sie durften darauf schon deswegen hoffen, weil sich ein steigendes Interesse an dieser Gattung abzeichnete: Seit der Spätaufklärung waren die «Volksmärchen der Deutschen» (Johann August Musäus, 1782) oder «Kindermärchen aus mündlichen Erzählungen gesammelt» (Wilhelm Günther, 1787) erschienen. 1808 hatte ein Namensvetter der Brüder Grimm, Albert Ludwig Grimm, einen Band mit «Kindermährchen» herausgegeben. Und wenige Monate vor den «Kinder- und Hausmärchen» publizierte Johann Gustav Büsching einen Band mit «Märchen und Legenden». Die Grimms aber setzten sich von allen diesen Vorgängern ab, distanzierten sich also von der tatsächlichen Tradition der Märchensammlungen und erhoben im Namen einer imaginierten einen radikalen Innovationsanspruch. Es «existirt noch keine Sammlung in Deutschland» wie die ihre, versprachen sie in der Vorrede.[2]

Aus Perspektive des Verlags war dies keine gute Strategie. Als die Grimms 1819 die zweite Auflage planten, lagerte noch rund ein Drittel der Erstauflage von tausend Exemplaren in den Regalen und wurde makuliert. Bis in die 1830er Jahre lief es nicht wirklich besser. 1825 aber erschien eine Auswahledition, die die Grimms nach dem Vorbild einer englischen Märchensammlung veranstaltet hatten. Diese ‹kleine› Ausgabe tat sich auf dem Buchmarkt leichter und kam dem Projekt insgesamt zugute. Mehr als zwanzig Jahre nach der ersten ‹großen› Ausgabe interessierte sich allmählich ein breiteres Publikum für die «Kinder- und Hausmärchen». Von 1833 an erschien die ‹kleine› Ausgabe beinahe kontinuierlich im Dreijahresrhythmus;[3] seit der dritten Auflage von 1837 wurde auch die ‹große› in regelmäßigen Abständen nachgedruckt.[4] Endlich avancierte die Sammlung zu jenem Hausbuch der Deutschen, das die Grimms immer schon versprochen hatten.

Die Märchen, die die Brüder im Verlauf der Bearbeitungsgeschichte zur «Gattung Grimm» (André Jolles) formten, entwickelten ihre Anziehungskraft mithin nicht gegen die Moderne, gegen die Verbürgerlichung der Verhältnisse und gegen die Rationalität einer entzauberten Welt. Ihr Erfolg war vielmehr die Folge jener fundamentalen Veränderungen der Sozialstruktur, der kulturellen Verhältnisse, der politischen Leitvisionen und dann auch der Regierungspraktiken, die sich seit dem 18. Jahrhundert abzeichneten. Um es zuzuspitzen: Die gute alte Zeit einer Wohlfühlgemeinschaft, die soziokulturell hochgradig integrativ war, über ein kollektives Traditionsbewusstsein und über einen vitalen Erzählschatz verfügte, der die Nation mit Energie und Leben versorgte, ist eine Erfindung der Moderne. Der Mythos von der ‹guten alten Zeit› erweist sich als elementarer Bestandteil eines Prozesses, in dem sich die Gesellschaft ausdifferenziert, die Zusammenhänge komplexer werden und die Verhältnisse distanzierter. Erst unter diesen Bedingungen avancierte die bürgerliche Kleinfamilie zur zentralen Sozialisationsinstanz,[5] erst jetzt trennten sich Öffentliches und Privates so, dass sich ein sozialer Raum für die Verwirklichung jener Intimitätsphantasie ergab, die seitdem Familien mit dem Leitbild einer natürlich-innigen Beziehung zwischen Eltern und Kindern unter liebevollen Druck setzte. Die Moderne bedrohte die märchenhaften Mythen nicht, sondern ermöglichte sie zuallererst. In dieser Umgebung stellten sich im Lauf der Zeit jene Selbstverständlichkeit und Popularität der «Kinder- und Hausmärchen» ein, die die Grimms eigentlich faszinierten: «Wo sie noch da sind, da leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder abgeschmackt, man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freut sich daran ohne einen Grund dafür: so herrlich ist die Sitte, ja auch das hat diese Poesie mit allem unvergänglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt seyn muß.»

Modern aber ist diese Idee von der Selbstverständlichkeit des Märchens nicht nur wegen dessen Platzierung in der bürgerlichen Familienwelt, sondern weil sich die Grimms damit auch auf eine sehr eigenwillige Weise die Grundidee der modernen Autonomieästhetik aneigneten. So beglaubigte Wilhelm Grimm seine Märchenästhetik mit einem Zitat aus Goethes «Dichtung und Wahrheit»: «Die wahre Darstellung hat keinen didaktischen Zweck.»[6] Immanuel Kant hat den Kerngedanken dieser Ästhetik der Zuneigung «ohne einen Grund» auf die prägnante Formel vom «interesselosen Wohlgefallen» g