1.
Raymond traf beim Unterstand ein, als Arnaud dem Neugeborenen die Augen zudrückte.
Die Mutter war zu erschöpft, um mehr zu tun, als leise zu weinen. Carotte und die anderen Frauen der Gauklertruppe, deren Namen Raymond ebenso wenig geläufig waren wie derjenigen, die das tote Kind zur Welt gebracht hatte, schluchzten umso lauter. Arnaud sah zu Raymond auf, als dieser sich durch den Ring der Pilger hindurchdrängte, die gaffend um die Szene in der Ecke des Unterstandes herumstanden. Sie nickten einander zu.
»Er ist mit offenen Augen zur Welt gekommen«, sagte Arnaud, »aber gesehen hat er sie nicht mehr.«
»Die verfluchte Kälte«, erklärte Raymond.
Arnaud zuckte mit den Schultern. Eine der Frauen breitete eine feuchte Decke über die Mutter des toten Kindes und nahm sie in den Arm. Das leise Weinen veränderte sich nicht. Es klang so dünn, wie das Greinen des Neugeborenen hätte sein sollen, aber das Neugeborene lag still und stumm in Arnauds großen braunen Händen. Raymond fühlte, wie Bedauern in ihm aufstieg um das Leben, das keine Chance gehabt hatte, und sah weg.
Arnaud band mit geübten Bewegungen die Nabelschnur ab und richtete sich auf, den kleinen Leichnam in den Händen, ein großer, fast absurd muskulöser Mann mit olivfarbener Haut und langem, gekräuseltem Haar, der selbst in der Kühle des Frühlingsregens nicht zu frieren schien. Er sah sich um und winkte den Männern seiner Truppe zu, die sich etwas abseits mit betroffenen Gesichtern zusammendrängten.
»Es ist deins, Maus«, sagte er. »Nimm Abschied.«
Einer der Gaukler trat zögernd vor. Mit jedem Schritt, den er aus dem Halbdunkel des Hintergrunds nach vorn machte, verlor er ein paar Jahre, und als er vor Arnaud und Raymond stand, war er nur noch ein höchstens achtzehnjähriger Knabe, der sich bemühte zu erfassen, was eigentlich geschehen war – ein verwirrter Junge, der deutlich hinter dem üblichen abenteuerlichen Aussehen der Gaukler hervortrat, in seinem Fall mit Kalk und Fett gefärbtes und steil nach oben gekämmtes Haar sowie einer Menge Ohrringe in einem Ohrläppchen und einem Geißbärtchen an der Unterlippe. Sein Anblick versetzte Raymond einen Stich; der Junge kam ihm vor, als sei er nur wenige Jahre von dem Kind entfernt, das ihm Arnaud übergab. Maus starrte den Leichnam an, und seine Unterlippe begann zu zittern.
Arnaud wandte sich ab; die Pilger, die um ihn und seine Leute herumstanden, schien er kaum wahrzunehmen. Er war sein halbes Leben herumgezogen, um vor Publikum aufzutreten und seine Späße zu machen; Raymond vermutete, dass Arnaud es nur natürlich fand, wenn auch etwas vor Publikum stattfand, das weniger zum Lachen war. Ganz und gar nicht zum Lachen. Raymond fand es schwer, den Blick von dem blau angelaufenen Körper zu wenden. Maus schüttelte den Kopf wie jemand, der nicht wieder damit aufhören kann. »Was soll ich denn damit machen, was soll ich denn damit machen?«, flüsterte er.
Raymond klopfte Arnaud auf die Schulter und drängelte sich wieder nach draußen ins Freie. Der Regen fiel dicht und so kalt, dass seine Hände selbst in den feinen ledernen Handschuhen froren. Zusammenhanglos überlegte er, dass sich alle seine Instrumente wieder hoffnungslos verstimmt haben würden, bis er die nächste trockene Unterkunft erreichte. Was soll’s, dachte er dann, es ist ohnehin weit und breit niemand in Sicht, für den ich spielen könnte. Jean le Maréchal hatte die Großzügigkeit von Königin Aliénor und ihrem ältesten Sohn, Henri dem Jungen König, über alle Maßen gerühmt – doch das war zehn Jahre her, nichts war mehr so, wie es einst gewesen war, und Jean le Maréchal kämpfte auf der Seit