Kapitel 1
Der Film hat gerade erst begonnen, und trotzdem kann ich mich nicht mehr darauf konzentrieren. Schuld daran ist allerdings nicht meine Mutter, die sich wegen ihrer Flugangst bei jedem noch so geringen Ruckeln der Boeing 777 in meinen Arm krallt, sondern ihre Tante Charlie.
Ich habe die Verfilmung von »Message in a Bottle«, die auf dem kleinen Bildschirm vor mir läuft, schon Dutzende Male gesehen, schließlich bin ich ein Riesen-Fan von romantischen Liebesgeschichten aller Art – darum schreibe ich ja auch so gern welche. Heute schweifen meine Gedanken allerdings bereits am Anfang ab, als Robin Wright Penn am Strand entlangjoggt und die Flaschenpost im Sand findet, denn sofort sehe ich einen anderen Strand vor mir: den Strand, den ich neulich nachts entlanggelaufen bin, meiner Großtante auf den Fersen. Zwar nur in meinem Traum, aber es fühlte sich so echt an – fast glaube ich sogar jetzt noch, den feuchten Sand unter meinen Füßen zu spüren, dann höre ich mich wieder Tante Charlies Namen rufen, während sie auf eine felsige Halbinsel zuläuft. Und das in einem Outfit, das so typisch war für meine lebensfrohe Großtante: Rosafarbene Cargohosen, eine mintgrüne Bluse mit einem Muster aus Kolibris (in Knallpink!) und dazu ihren geliebten Cowboyhut aus Stroh auf dem Kopf. Den trug sie gern an heißen Sommertagen, und vor allem Papa konnte sich bei diesem Anblick nie ein leicht irritiertes Kopfschütteln verkneifen.
Ich schließe meine Augen und atme tief durch, denn immer wieder schweifen meine Gedanken von dem Film ab und hin zu Charlie. Genau heute vor einer Woche ist meine geliebte Großtante, die auch meine Patentante war, im Alter von fünfundachtzig Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Drei Tage später habe ich unter Tränen ihre Lieblingsblumen – tiefviolette Lupinen, die ich nur unter größter Mühe in Düsseldorf hatte auftreiben können – auf ihr frisches Grab gelegt. Und bereits am Tag darauf sind meine Mutter, meine Schwestern und ich ins Flugzeug gestiegen, um über den Atlantik nach New York zu fliegen. Schließlich war das Tante Charlies letzter Wunsch.
Ich muss daran denken, wie zerbrechlich Charlie aussah, als sie am Abend vor ihrem Tod in ihrem Krankenhausbett lag und mir stolz einen weißen Umschlag überreicht hat.
»Hier, Lottchen. Die habe ich neulich im Reisebüro abgeholt.«
Ratlos öffnete ich den Umschlag und zog vier Flugtickets heraus. »DUS –JFK«, las ich perplex die Flughafencodes vor.
»Das sind vier Tickets nach New York«, erklärte meine Großtante, und auf ihrem blassen Gesicht lag ein zufriedenes Lächeln. Was kaum zu glauben war, schließlich war sie an eine ganze Batterie von Hightech-Geräten angeschlossen.
»New York«, wiederholte ich verständnislos. »Was …?« Mein Blick flog über die Namen auf den Tickets: Erika Seliger, Luise Seliger, Sophie Friedrich und zu guter Letzt Charlotte Seliger, also meine Wenigkeit.
»Charlie – du hast für Mama, für meine Schwestern und mich Flüge nach New York gebucht?«
Tante Charlie nickte und wirkte merkwürdig glücklich. »Am Samstag geht’s los.«
Besorgt ließ ich die Tickets sinken. »Dir geht es wirklich nicht gut, hm?«, murmelte ich und griff nach ihrer Hand, wobei ich genau darauf achtete, die Kanüle in ihrem Handrücken nicht zu berühren.
»Ach, so ein Unsinn!« In den grünen Augen meiner Patentante, die meinen so ähnlich waren, flammte ihr altes Temperament auf. »Jetzt tu bloß nicht so, als sei ich plötzlich senil! Ich weiß noch sehr wohl, was ich mache, und diese Tickets habe ich bereits vor einigen Tagen im Reisebüro besorgt, also lange vor diesem dummen kleinen Schlägchen.«
Als sie das Ganze so vernied