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HEUTE IST DER dreißigste April 2017, draußen blühen die Bäume, und vor ganz genau einem Jahr endete mein Leben. Nicht dass ich gestorben wäre, im Gegenteil – angesichts dessen, wie ich mich innerlich fühle, bin ich geradezu erschreckend lebendig: Ich höre nach wie vor jeden Morgen Radio, bekomme immer noch schwitzige Hände, wenn ein Kontrolleur meine Fahrkarte sehen will, und gerate jeden Abend außer Atem, wenn ich die Treppe zurück in den vierten Stock hinaufsteige, wo meine kleine Altbauwohnung liegt. Ich wechsle täglich meine Unterwäsche, putze morgens und abends Zähne, nehme Multivitamintabletten, koche zu große Portionen Pasta, atme, verdaue, menstruiere. Sogar meine Haare wachsen immer weiter, zumindest muss ich spätestens alle drei Monate zum Friseur.
Aber mein Leben, wie ich es kannte? Das ist vorüber.
Bis vor einem Jahr wäre ich zum Beispiel nie, nie, niemals an einem Sonntagmorgen ins Café Brel geflüchtet, bloß um nicht allein zu Hause sein zu müssen. Noch vor einem Jahr wäre ich sonntags entweder ins Fitnessstudio gegangen, um meine vierzig Minuten auf dem Crosstrainer zu absolvieren, oder Alex und ich hätten Freunde zum Frühstück eingeladen – Anni und Peter oder Evelyn und Jo oder alle gemeinsam. Bei gutem Wetter hätten wir vielleicht einen Ausflug gemacht, aber wahrscheinlich wären wir einfach zu zweit im Bett geblieben und hätten das wohlige Gefühl genossen, dass nichts da draußen so wichtig war, als dass wir dafür hätten die warmen Federn verlassen müssen. Wir hätten gekuschelt und Zeitung gelesen, über Alex’ iPad gebeugt den nächsten Urlaub geplant oder zärtlich darüber gestritten, wie wir unseren Sohn oder unsere Tochter nennen würden, wenn es eines Tages – möglichst bald – so weit wäre. Irgendwann wäre Alex vielleicht aufgestanden, um uns Cappuccino zu machen und etwas Leckeres aus dem Kühlschrank zu holen, der mit allen Köstlichkeiten der Welt gefüllt war: frisch gepresster Orangensaft und Schokopudding, Käse und gesalzene Butter aus dem kleinen französischen Käseladen in der Vorbergstraße, Parmaschinken und Mortadella, halbe Ananas, kleine Kressebeete und knackiges Gemüse. Später hätte er sein Fahrrad aus dem Keller geholt, um bis an die Stadtgrenze und wieder zurück zu fahren, und ich wäre mit ein paar neuen Büchern aus dem Laden vom Bett aufs Sofa umgezogen, um den Nachmittag über nach Lektüreschätzen zu suchen, die ich meinen Stammkunden in der nächsten Woche empfehlen würde.
So sah mein Leben einmal aus: Ich hatte einen Mann, den ich liebte. Einen Job, auf den ich mich am Morgen freute. Und Pläne für die Zukunft. Ich machte Sport, traf mich so oft es ging mit meinen besten Freundinnen und hatte Rohmilch-Camembert im Kühlschrank.
Und jetzt? Habe ich nichts mehr von alledem. In unserer einst gemeinsamen Wohnung lebe ich seit einem Jahr allein. Im Fitnessstudio war ich nicht mehr, seit die Buchhandlung, in der ich fast 15 Jahre lang mit Leidenschaft und Herzblut gearbeitet habe, vor acht Monaten plötzlich geschlossen hat. W