KAPITEL 2
1989
Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan und versuche gerade, mir darüber klar zu werden, was geschehen ist, was ich getan habe. Meine Augen sind gerötet und brennen vor Müdigkeit, aber ich traue mich nicht einzuschlafen. Wenn ich einschlafe, dann wache ich wieder auf und erlebe diese eine gnädige Sekunde, in der ich mich noch nicht wieder erinnert habe – und dann bricht es wieder über mich herein und ist kraft dieser einen unschuldigen Sekunde umso schrecklicher und grässlicher.
Ich glaube, das letzte Mal war ich bis zum Morgengrauen wach, als ich bei Sophie übernachtet habe. Allerdings ist die Angelegenheit diesmal deutlich gewaltiger und tragischer. Draußen hat es die ganze Sommernacht hindurch ohne Unterlass geregnet, und die Zweige des Baums vor meinem Fenster peitschen permanent gegen die Scheibe. Ich bin nicht nur aufgrund der Droge wach, auch wenn sie leider immer noch durch meine Adern strömt. Seit vier Stunden sitze ich jetzt hier am Boden, während mein bisher stockfinsteres Zimmer ganz langsam von mattgrauem Zwielicht erhellt wird. Um mich herum überall Spuren meiner aufwendigen Vorbereitungen für den gestrigen Abend, gerade einmal zwölf Stunden zurück, mit der Aussicht auf Akzeptanz und Anerkennung. Auf dem Bett liegen drei Kleider und die jeweils dazu passenden Schuhe ausgemustert vor dem Bodenspiegel. Mein Blick bleibt unwillkürlich an dem Fleck im Teppich hängen, wo Sophie meinen nagelneuen Bronzing-Powder fallen gelassen hat. Ich habe noch ungeschickt versucht, ihn mit einem Kosmetiktuch, das ich in ein Glas abgestandenes Wasser getunkt hatte, wieder wegzuwischen.
Das Kleid, für das ich mich zu guter Letzt entschieden habe, ist neben mir zu einem zerknitterten Haufen verkümmert – stattdessen hab ich mir einen alten Sweater und Leggings angezogen. Unter den Augen hab ich dunkle Make-up-Schmierer, meine Lippen sind spröde, Lippenstiftreste kleben in den Rissen und bluten auf die Haut um meinen Mund.
Ich sitze nur deswegen schon so lange am Boden, weil ich mich nicht bewegen kann. Ich hätte gedacht, mein Herz würde rasen, aber tatsächlich fühlt es sich eher an, als hielte eine eiserne Faust es fest gepackt. Ich bin fast überrascht, dass es überhaupt noch schlägt. Alles passiert in der Geschwindigkeit eines Trauerzugs. Wenn ich meine Hand bewege und mir eine Haarsträhne hinters Ohr schiebe oder irgendwas vom Boden aufhebe, fühlt es sich wie in Zeitlupe an, ganz gleich wie schnell ich bin. Mein Gehirn hat Schwierigkeiten, alles einzuordnen, meine Gedanken schweifen ab, durchforsten schwerfällig die vergangenen Monate, und ich versuche zu begreifen, wie es dazu kommen konnte.
Ich nehme an, es fing vor ein paar Monaten an, als dieses neue Mädchen an unsere Schule kam. Ich hatte die Pause mit Sophie verbracht, die sich mit Claire Barnes und Joanne Kirby unterhielt; ich selbst beteiligte mich kaum. Wir saßen auf der Bank am hinteren Ende des Schulhofs, und die drei hatten ihre Röcke am Bund so oft umgeschlagen, dass sie sie eigentlich genauso gut hätten weglassen können. Am anderen Ende des Schulhofs stand Matt Lewis und gaffte Sophie an. Ich konnte ihm ansehen, was er dachte. Es war der Tag – der erste im Jahr –, an dem man endlich wieder den Frühling riechen konnte. Ich saß am Rand, genoss die Sonne auf meinem Gesicht und hoffte, dass sie nicht von mir erwarteten, etwas zu ihrem Gespräch beizutragen. Der Himmel war unglaublich blau, und Sophie wie auch Claire und Joanne leuchteten regelrecht, ihr schier