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»Denn ein Herz das sucht, fühlt wohl, dass ihm etwas mangle, ein Herz das verloren hat, fühlt, dass es entbehre.«
Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften
Das Buch war ein Meisterwerk der Buchbindekunst, der Einband aus rotem Leder mit kunstvollen Ornamenten aus Blattgold. Eine Erstausgabe von GoethesWahlverwandtschaften mit Unterschrift und Widmung des großen Dichters. Geschützt in einer Glasvitrine stehend, strahlte der Band etwas Geheimnisvolles aus, das die Besucher in seinen Bann zog.
Die Gäste der Wohltätigkeitsgala der Galileo-Gesellschaft wirkten beeindruckt. Einige wussten um den literarischen Wert des Werkes, andere musterten neugierig sein aufwendig gestaltetes Äußeres. Wie konnte ein vor mehr als zweihundert Jahren verfasster Roman ein so großes Interesse auslösen?
Sofia Bauer wartete geduldig, und als sie endlich vor der Vitrine stand, klopfte ihr Herz bis zum Hals, tausend Fragen gingen ihr durch den Kopf. Aufmerksam betrachtete sie Einband und Titelseite.
Dieses Buch hatte eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Der Dichter selbst hatte es einer geheimnisvollen Unbekannten geschenkt, darauf deutete jedenfalls die Widmung hin, doch war es dieser Dame irgendwann gestohlen worden. So weit die Gerüchte. Danach galt es lange als verschollen, und erst kürzlich hatte man es in einem kleinen Antiquariat in Bukarest wiedergefunden.
Als Sofia erfahren hatte, dass es in ihrer Heimatstadt Rom ausgestellt werde, hatte sie alles darangesetzt, eine Einladung zu dieser Gala zu bekommen. Was nicht allzu schwer gewesen war, da sie einige Jahre in der Bibliotheca Hertziana gearbeitet hatte.
»Einfach wunderschön.«
Das war es in der Tat. Sofia lächelte dem jungen Mann neben sich zu, der mit diesen Worten seiner Bewunderung Ausdruck verliehen hatte. Der Band war erstaunlich gut erhalten, am liebsten hätte sie ihn in die Hand genommen, durch die Seiten geblättert, den Geruch eingesogen. Sie hatte den Eindruck, als wünschte sich das Buch, angefasst zu werden, statt hinter Panzerglas jeder Berührung entzogen zu werden.
Um sie herum standen zahlreiche Gäste, die auf den Beginn des Vortrags warteten. Sie grüßte nach rechts und links, suchte indes weder ein Gespräch, noch wurde sie angesprochen. Seit ihrer Hochzeit gehörte sie nicht mehr dazu, sie war aus dieser Welt ausgeschieden. Zurückgezogen in einer Ecke stehend, lauschte sie den Ausführungen des Sekretärs der Galileo-Gesellschaft, der über die ungewöhnlichen Umstände sprach, unter denen man dieses Exemplar von Goethes Meisterwerk wiederentdeckt hatte.
Kaum hatte er das Rednerpult verlassen, verließ Sofia unauffällig den Raum.
Kurze Zeit später stand sie auf der Terrasse, eine kühle Brise fuhr ihr durchs Haar und bewegte den Saum ihres Kleides. Sie ging langsam die Stufen zum Park hinunter und schaute sich interessiert um. Früher hatte sie häufig an solchen Veranstaltungen teilgenommen, das letzte Mal allerdings lag bereits geraume Zeit zurück. Sie ging ohnehin höchst selten aus, erst recht nicht allein. Und auch jetzt fühlte si