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Roland ist tot, nicht jedoch Mireille. Gestern Abend hat mein Leben eine Wendung genommen, aber nicht in die richtige Richtung. Vom Tod eines Menschen zu erfahren, den man nicht kennt, ist eine Sache. Den Hund des Toten, den man nicht kennt, aufzunehmen eine ganz andere, vor allem wenn dieser Hund eine Geruchsmischung irgendwo zwischen Kotze und Scheiße verströmt. Ich werde Mireille nicht in meiner Wohnung behalten, so viel ist sicher. Ich nehme sie lieber auf einen Spaziergang zu Rolands Arbeitsplatz mit. Im Sortierzentrum finde ich schon jemanden für sie. Dort werde ich sie loswerden. Wenn Roland sie nicht zu sich ins Paradies holt. Dass Mireille bei mir bleibt, kommt nicht infrage.
Das Postsortierzentrum ist ziemlich zubetoniert. Keine Fenster, hier kommt niemand raus. Eine Art Gulag mit Neonröhren. Wahrscheinlich ist Roland an Tuberkulose gestorben, weil er hier so lange eingeschlossen war. Vor den zu Tode erschrockenen Kollegen hat er Blut auf den Zement gespuckt. Sie haben ihn nach Hause geschickt und krankgeschrieben. Wahrscheinlich hat Roland sich mitten am Vormittag vergiftet – er wollte sich lieber Zyankali in den Kaffee schütten als wieder im Sortierzentrum arbeiten. Er hat keinen Brief hinterlassen. Er war am Ende, wollte keinen Fuß mehr vor den anderen setzen, nicht mehr die Treppe hinunter und dann nach links gehen, Schritt für Schritt und immer geradeaus. Er hatte es satt. Festplatte außer Betrieb. Überhitzter Prozessor. Systemausfall. Roland hat sich ausgeschaltet.
Ich kratze mich am Bart und streiche mir übers Haar. Mireille klebt mit der Nase an meinen Waden. Ich stoße sie mit dem Fuß weg. Sie sieht mich aus ihren von krausem Fell umrahmten kleinen schwarzen Augen an. Sie urteilt über mich. Sie weiß, dass ich mich nicht von Gefühlen übermannen lasse. Sie meint, ich hätte ein Herz aus Stein und in den Adern Kühlflüssigkeit. Sie meint, das Los der Pudel sei mir völlig egal. Ein Knopf meines karierten Hemds ist aufgegangen, ich knöpfe ihn wieder zu. Das Hemd sitzt ein wenig eng, wirklich, ich glaube, ich habe zugenommen.
Roland sortierte die liebe lange Nacht Post. Er arbeitete, damit die Bürger rechtzeitig ihre Einschreibebriefe, ihre abonnierten Zeitungen und die Rechnungen erhalten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen, sobald man den Umschlag aufgerissen hat. Roland arbeitete für sämtliche französischen Bürger, doch keiner dieser Bürger hat sich je für seinen Postsortierer interessiert. Die französischen Bürger veranstalteten stattdessen wilde Feten, Cocktailempfänge mit üppigen Buffets undHappy-Hour-Partys, auf denen der Sekt in Strömen floss. Sie fuhren Rolltreppen hinauf, sprangen Seilchen, packten den Stier bei den Hörnern und bauten bioklimatische Häuser mit lichtdichten oder verglasten Wänden. Und während dieser Zeit hauchte Roland sein Leben aus, auf dem Boden liegend und mit dem Kopf im Fressnapf seines Hundes.
Der Leiter des Sortierzentrums kommt auf mich zu. Er war b