Timo Blunck, geboren 1962 in Hamburg, ist Musiker, Sänger, Komponist, Produzent und Autor. Ab 1981 war er Bassist der international erfolgreichen Avantgarde-Punkband Palais Schaumburg. Zur gleichen Zeit gründete Blunck mit Detlef Diederichsen die Band Die Zimmermänner, mit denen er heute noch aktiv ist. Nach Stationen in England und den USA betreibt Blunck seit 2001 in Hamburg die Firma BLUT, die Musik für Filme, Events und Werbung produziert.Die Optimistin ist Bluncks zweiter Roman nachHatten wir nicht mal Sex in den 80ern?, zu dem es auch ein begleitendes musikalisches Soloalbum gab.
Ohne dich (kann ich mich nicht mehr selbst befriedigen)
Winter 1991 Baton Rouge, Louisiana
»Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?« Sophia Devereaux legt den Kopf auf die Seite, streicht sich die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht. Ihre Augen blitzen mich verschmitzt an, für ihr Lächeln fehlen mir die Worte. Schelmisch? Spitzbübisch? Sie ist schon auf den ersten Blick eine ganz seltsame Mischung aus Flirt und Noblesse, Isabella Rossellini und Beatrice Dalle, Bianca Jagger und Carmella Bing. Atemberaubend schön, die Art von klassischer Beauty, die auch noch mit 70 umwerfend sein wird, aber gleichzeitig versprüht sie eine animalische Sexyness, der man sich kaum entziehen kann. Der Raum füllt sich mit Pheromonen, sie ist das Alphaweibchen, das ganze Rudel will sich mit ihr paaren, denn sie wird offensichtlich die stärksten Welpen werfen. Und sie hat erst einen Satz gesagt! Der ist allerdings so direkt, dass ich erst mal anfange zu stottern. »Äh, was? Sex, 80er? Wir?« – »Ja, das war die Frage, allerdings in leicht anderer Reihenfolge.« Jetzt gesellt sich auch noch »einschüchternd« zum Reigen der Attribute, die ich mit Sophia verbinde. Wir sitzen im Magnolia Grill, einen Stock unter der Modelagentur, in der wir sie eben gecastet haben. Wir sind in Louisiana, um das Video für die erste Single meines Soloalbums zu drehen. Ich friere. Die Klimaanlage kühlt die Luft auf Kühlschranktemperatur. Die Stereoanlage spielt »Rudolf, The Red Nosed Reindeer«. Draußen rauschen die Autos den Sherwood Forest Boulevard hinunter, wir essen Crawfish Etouffé. Hatten wir mal Sex in den 80ern? Irgendetwas klingelt, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger. »Ich glaube nicht, oder …?« Sophia klappert vielsagend mit den Wimpern. Sie ist unsere Wahl, und das nicht nur, weil sie die einzige Brünette ist, die uns in der lokalen Agentur Margaret Marx angeboten wurde. Der Moodfilm, den wir als Typ-Vorlage geschickt hatten, war hauptsächlich zusammengeschnitten aus den letzten Szenen von Dustin Hoffmans »Reifeprüfung«, und Katharine Ross ist keine Blondine. Allerdings auch keine Salma Hayek, und ich habe als verantwortlicher Künstler eine »Executive Decision« gefällt, total ohne Rücksprache mit der »Eidechse«, dem zuständigen Marketing-Mann meiner Plattenfirma. Den Kriechtieren von meinem Label ist sowieso alles egal, ihr Aggregatzustand wabert von schwachsinnig bis Delirium tremens, den Laden schmeißen Praktikanten und Fahrradkuriere, an guten Tagen. Sophia ist ein aufgehender Star, und sie werden sie lieben, so wie ich sie schon nach 25 Minuten liebe. Sie hat einen Fleck unter ihrer rechten Brust, hat sie gekleckert? Der Fleck wird größer. Ich deute mit dem Finger. Sie sagt: »Verdammt, das Baby. Ich laufe schon wieder aus wie eine Kuh! Ich muss das Baby stillen, oh Gott, meine Titten bringen mich um, was für eine nervige Scheiße!« – »Du stillst?« – »Natürlich stille ich, ich bin doch kein Monster. Das Baby ist erst 2 Monate alt.« – »Und wo ist das Baby jetzt?« – »Vor der Tür, mein Mann wartet im Wagen.« – »Die ganze Zeit?« – »Warum nicht, er hat mir das Ding ja auch angedreht, now it’s time to pay the piper!« Sophia rennt raus, steigt in einen rostigen Chevrolet Cavalier. Ich bekomme einen kurzen Blick auf den Ehemann im Auto. Ist das Daniel Day-Lewis? Wohl nicht, in einem alten Chevy in Baton Rouge, außer er bereitet sich diesmal ganz besonders intensiv auf seine nächste Rolle vor. Aber der Man