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Jenna Morrison gab ihrer Schwester Amber einen Abschiedskuss, ohne auf das Gebrüll der kleinen Sophia zu achten. Sie war vollständig in eine Babydecke eingewickelt, sodass man ihre Gegenwart durch bloßes Hinsehen nicht bestätigen konnte, fast als wäre sie in ein baumwollweiches, mintgrünes schwarzes Loch gefallen. Die Decke vermochte Sophias ohrenbetäubendes Kreischen – von der Evolution verfeinert, bis es über alle Maßen nervtötend war und man es unmöglich ignorieren konnte – kein Stück zu dämpfen.
Amber klopfte Sophia behutsam auf den Rücken, hielt sie dicht am Körper und hoffte, dass der Grund für den Höllenlärm nur ein verklemmtes Bäuerchen war. Hilflos warf sie ihrer Schwester einen um Entschuldigung heischenden Blick zu. Das Baby hätte kein schlechteres Timing haben können.
»Danke, dass du gekommen bist, Jen«, sagte sie. »Du hast mir das Leben gerettet.«
»Spinnst du?«, fragte Jenna ein bisschen lauter als sonst, um das Gebrüll ihrer Nichte zu übertönen. »Um nichts auf der Welt hätte ich das verpassen wollen. Ich musste dich unbedingt sehen. Sophia kennenlernen. Ganz zu schweigen davon, mir meine persönliche Babydröhnung abzuholen. Ich solltedirdanken.«
»Du bist echt die Beste«, sagte Amber. Ihr war die Betrübnis über den Aufbruch ihrer Schwester an der Nasenspitze anzusehen, ebenso wie ihre wachsende Panik.
Aber wer hätte ihr das vorwerfen können? Mit zwanzig Mutter zu werden war das eine, aber etwas ganz anderes war es, wenn der Vater zwei Monate nach der Geburt verschwand. Das hätte jeden fertiggemacht, stabile Psyche hin oder her.
Als Jenna erfahren hatte, dass Amber das Kind ganz allein großziehen musste, war sie so schnell wie möglich aus San Diego aufgebrochen, um ihr mit Sophia zu helfen und sie moralisch zu unterstützen, wenigstens für eine Woche. Alles in allem war es ganz gut gelaufen, und sie war überzeugt, dass ihre Schwester allmählich ihre emotionale Stabilität wiedererlangte, auch wenn es natürlich Monate oder gar Jahre dauern konnte, bis sie sich wieder ganz erholt hatte.
Aber es war wirklich ermutigend, dass Amber nicht nur keinerlei Anzeichen einer postnatalen Depression zeigte, sondern sogar eine dieser Mütter war, die von Innen heraus zu leuchten schienen, in der Mutterschaft schwelgten und schier ertranken in wohligen Oxytocin-Fluten, ausgelöst von den unermüdlichen Versuchen des Babys, ihr die Brustwarzen vom Leib zu nuckeln.
Jenna wäre gern länger geblieben, aber sie steckte gerade mitten in ihrer Doktorarbeit über Genetik und musste in ihr eigenes Leben zurück. Und zurück zu Nathan Wexler, ihrem Verlobten.
»Pass auf dich auf«, sagte Jenna ernst. »Und denk dran, la