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»Wir haben heute früher geschlossen«, rufe ich, während ich meine Jacke an die Garderobe hänge und den Schlüssel neben Wills auf das kleine Brettchen, das im Flur an der Wand befestigt ist, lege. »Irgendwas mit Astrids Katze, der Waschmaschine ihrer Mutter und der Northern Line, die weshalb auch immer gerade nicht fährt.« Will antwortet nicht. »Hoffentlich ist die Katze nicht in den Schleudergang geraten«, füge ich hinzu und lausche in die Wohnung hinein, wo er sein könnte.
Nicht dass die Möglichkeiten besonders vielseitig wären – zur Auswahl stehen Küche/Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad, die alle von dem sargähnlich schmalen Flur in unserer Mietwohnung in Brixton, London abgehen. Will behauptet gern, dass wir in Clapham leben, aber das tun wir nicht. Wir wohnen in Brixton, nur ein paar Gehminuten von dem McDonald’s entfernt, in dem vor Kurzem ein Mann erschossen wurde, weil er sich in der Schlange vorgedrängelt hatte. Ich höre Rumoren und Murmeln aus dem Schlafzimmer.
»Will?« Als ich die Tür aufstoße, sehe ich ihn neben unserem schmalen Boxspringbett stehen und hektisch seine Jeans zuknöpfen, während eine Frau mit deutlich größeren Titten als meine eigenen ihren Tanga hochzieht.
»Nina!«
Ich starre. Überrascht. Verwirrt.
Will verpasst meinem Halloweenkostüm – Sally Albright in ihrer Annie-Hall-Phase – eine imaginäre Ohrfeige. Die Krempe meines Hutes scheint auf einmal viel zu eng zu sitzen, und ich habe das Gefühl, vom Kragen meiner Bluse erwürgt zu werden. Mit aller Macht versuche ich zu vermeiden, sie anzusehen.
Ich drehe mich auf dem Absatz um und gehe ins Badezimmer, schließe die Tür von innen ab und lasse mich auf den schief sitzenden, wackligen Toilettendeckel fallen. Um nicht länger mit anhören zu müssen, wie sie eilig ihre Sachen zusammensuchen, presse ich mir die Hände auf die Ohren, doch es hilft nichts.
»Ich ruf dich an«, höre ich Will sagen, und sie antwortet: »Es tut mir leid«, bevor die Haustür hinter ihr ins Schloss fällt.
Ohne mich von der Stelle zu rühren, lausche ich, wie Will leise über den Flur geht und nach mir Ausschau hält. Die Wohnung wirkt genauso still und leer wie an dem Tag, an dem wir die Schlüssel bekommen haben. Als wir noch am Anfang standen – ohne Möbel und ohne Erinnerungen –, und bevor wir herausfanden, dass in der Etage unter uns ein Bordell logiert.
Ich höre, wie Will in der Küche den Wasserkocher anstellt, und starre auf die Handtücher, die er achtlos auf den schwarz-weiß karierten Linoleumboden im Bad fallen lassen hat. Auf die Deoroller, Eau de Toilettes und Shampooflaschen, die überall herumstehen. Mir ist schlecht. Tränen laufen mir die Wangen hinunter. Ich wische sie mit dem Handrücken weg.
Im Spiegel über dem Waschbecken starre ich auf meine Achtzigerjahre-Frisur, meine blonden Locken sind ganz verstrubbelt. Das Sally-Albright-Make-up hat schwarze Schlieren in