KAPITEL 1
25. Tag des Lenzmonats, 1486A.D.
Verkündigung des Herrn
Judex crederis esse venturus
In te, Domine, speravi
Non confundar in aeternum
Salvum fac populum tuum
Judex crederis
»GOTT DER HERR BLICKT AUF DIESE STADT«, brüllte der Mönch. »Und GottWEINT!«
Die Anzahl seiner Zuhörer war beträchtlich. Er stand in taktisch günstiger Position gleich außerhalb des Hauptportals der Sankt-Andreas-Kirche mitten in der Vorstadtgasse, und alles, was es gebraucht hatte, um die Zuhörermenge zu bannen, waren ein paar Dutzend Neugierige, die stehen blieben und die Eingänge der nächstgelegenen Gassen verstopften. Dafür, dass es Neugierige gab, hatte der Mönch gesorgt: Er stand auf einer schwankenden Staffelei, die von zwei Chorknaben aus dem Dom nur mangelhaft stabilisiert wurde; und als die ersten Messbesucher ins Freie gestrebt waren, hatte er sich die Kutte bis zum Bauchnabel aufgerissen und laut zu kreischen begonnen wie einer, der auf dem Scheiterhaufen steht und merkt, dass das Ganze kein Spaß mehr ist.
Die Leute blieben stehen und gafften. Die Nachfolgenden strömten aus der Kirche und drängten die Gaffer beiseite, aber da diese ihr Recht zu gaffen behaupteten und sich gegen den Andrang wehrten, wurde aus der Menge bald ein unentwirrbarer Knäuel Leiber, der Schimpfwörter und Flüche absonderte und ganz allgemein die Energie für eine baldige Prügelei ansammelte.
Friedrich von Rechberg und ich waren mittendrin.
»Das muss dieser Kapuzinermönch aus Italien sein«, schrie ich Rechberg ins Ohr. »Er hat sich durch das ganze Reich bis hierher gepredigt und soll seit einer oder zwei Wochen beim Kardinal leben. Fryderyk Jagiello hat scheinbar einen Narren an ihm gefressen.«
»Und was predigt er?«, schrie Rechberg zurück.
»Die frohe Botschaft der Christenheit …«
»Gott der HerrWEINT bittereTRÄNEN!«, donnerte der Mönch.
Die Gesichter der Menschen um uns herum wirkten in der Mehrzahl ungeduldig. Die meisten wandten die Köpfe, um nach einem Ausweg aus der Menge zu suchen; ein paar Glückspilze am Rand schafften es, sich abzusetzen. Sie hatten bis gerade eben eine Stunde lang den Rücken des Priesters der Sankt-Andreas-Kirche betrachtet, dessen Eigenart es war, die Messe flüsternd zu halten und selbst die Wandlung mit so sparsamen Bewegungen auszuführen, dass ein unaufmerksamer Beobachter