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Julia würde im Herbst sechsunddreißig werden, aber es war ihr niemals ganz gelungen, der Stimme ihrer Mutter zu entkommen. Selbst wenn Julia lange nicht mehr mit Susanne gesprochen hatte, war deren Stimme da, sie lag auf einer hohen Frequenz und kam von oben – weil ihre Mutter eine groß gewachsene Frau war –, und sie schien sich immer mitten in einem Satz zu befinden, mitten in einer Diskussion.
»Ich kann doch Menschen mögen, auch wenn sie mir nicht ständig Komplimente machen.«
»Ich habe diese Frauenzeitschrift seit zwanzig Jahren abonniert, und sie istfull of useless information, aber ich werde sie weiter beziehento the bitter end.«
»Heute habe ich ein ganz großartiges Essen gekocht.«
»Hast du zugenommen? Ich meine das nicht negativ, bei dir ist es ja immer ein bisschen rauf und runter gegangen.«
Auch jetzt, als Julia in der Straßenbahn saß und von der Arbeit nach Hause fuhr, hörte sie im Hinterkopf ihre Mutter reden, wie ein Tinnitus in verbaler Form; eine ununterbrochen laufende Meinungsmaschine. Susanne sagte, dass sie jeden Tag schreiben solle, sich Aktivitäten mit den Kindern ausdenken müsse (Susannes immer wiederkehrende Kritik war, Julias Kinder seien so antriebslos und phlegmatisch). Sie solle an ihre Karriere und den Hauskredit denken, sich aber vor allen Dingen um Susanne kümmern, weil Julias Mutter sich als den selbstverständlichen Mittelpunkt der Familie betrachtete.
Julia stieg aus der Straßenbahn und spürte den Impuls, sich mit dem ganzen Körper zu schütteln wie ein nasser Hund, der zur Tür hereinkommt. Sie versuchte sich selbst daran zu gemahnen, dass heute der Urlaub begann und sie an andere Dinge zu denken hatte als an ihre Mutter.
Sie öffnete die Tür zu ihrer Wohnung, aber niemand war zu Hause. Kurz fragte sie sich, ob die anderen schon ohne sie losgefahren waren. Erik hatte gesagt, er würde die Kinder um elf Uhr abholen, sie hatte ihn aber den ganzen Tag nicht erreichen können. Das Auto hätte gepackt sein sollen, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie gleich losfahren können, dann wären sie bis zum Abend da gewesen.
Julia wollte das Sommerhaus lüften und die Betten neu beziehen, bevor sie schlafen gingen, und sie fragte sich, ob sie zuerst nicht auch alles abstauben müssten, weil schon seit Langem niemand mehr am Mjölkviken gewesen war. Wahrscheinlich wäre es auch nötig, den Kühlschrank zu putzen, bevor sie ihn mit Lebensmitteln füllten.
Sie rief Oona an, die in den ersten Sommerwochen, in denen sie noch arbeitete, auf die Kinder aufpasste.
»Nein, Erik hat nicht angerufen. Soll ich sie nach Hause schicken?«, fragte Oona. Julia konnte das Klavier im Hintergrund hören, wahrscheinlich spielte Alice gerade.
Oona war eine Frau in den Sechzigern und stammte