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Drei Jahre später
Ich will nicht schlafen. Es ist so dunkel und kalt, seitdem sie weg sind.«
Isla ließ das Buch sinken, das sie gerade in das Regal mit den Blumen- und Sternschnitzereien hatte einsortieren wollen, und drehte sich um. »Wer ist weg, Kätzchen?«
Ruby saß aufrecht in ihrem Bett, nur auf den ersten Blick störrisch – die Haltung war Teil ihrer Erziehung. Teil der Gesellschaftsschicht, in der sie lebte und die sie vom Säuglingsalter an in Regeln und Vorschriften gehüllt hatte wie ein Labyrinth aus Stein, das letztlich nur auf eine ganz bestimmte Weise durchquert werden konnte und ansonsten mit Mauern aufwartete, an denen man sich schmerzhaft stieß. Sie war ein folgsames Mädchen, doch manchmal, viel zu selten, schimmerte ihr Dickkopf durch. Sehr zu Islas Erleichterung. Es gab Tage, an denen sie sich bei dem Gedanken erwischte, die Kleine möge doch mehr Kind sein: lauter und widerborstiger, mit Farbspritzern auf den Wangen und von Süßigkeiten verklebten Lippen.
Ruby hatte die Bettdecke mit beiden Fäusten umklammert, als wollte sie mit aller Kraft gegen die Müdigkeit ankämpfen, die ihre Augenlider bereits erreicht hatte. In ihrem weißen Nachthemd und mit dem sorgfältig ausgebürsteten braunen Haar ähnelte sie einer Puppe. Einer Puppe aus viel zu dünnem Porzellan, das brechen würde, wenn man sorglos mit ihr umging.
Jetzt holte sie Luft und riss die Augen noch mal weit auf. »Die Träume.« Sie senkte den Kopf, als würde sie sich schämen. »Ich kann doch nicht mehr träumen«, nuschelte sie und rutschte tiefer, bis sie in einer Wolke aus Weiß zu verschwinden drohte.
Isla überlegte, wie sie auf so eine Idee kam und was sie ihr am besten antworten sollte. Dabei betrachtete sie das Buch in ihrer Hand:Der Korridor ohne Wiederkehr. Die Abbildung auf dem Deckel zeigte eine Holztür, neben der ein Teddy mit nur einem Auge lehnte. Entweder war er sehr groß oder aber die Tür winzig, denn seine Ohren befanden sich auf einer Höhe mit dem oberen Rahmen. Vielleicht sollte sie Rubys Bücher genauer durchsehen und das eine oder andere aussortieren. Bei einem solchen Titel war es kein Wunder, dass ihr Schützling an solch absurde und fast schon gruselige Dinge glaubte.
Sie stellte das Buch an seinen Platz, stand auf und strich ihren Rock glatt. Dann ging sie zu Rubys Bett, zog sich den Korbstuhl heran und ließ sich darauf nieder. Das Licht der Nachttischlampe malte ein Muster auf die Bettdecke und floss über ihre Finger, als sie den Stoff ein Stück nach unten zog.
Rubys Gesicht kam wieder zum Vorschein. Die Müdigkeit verwandelte das Bernstein ihrer Augen in mattes Braun.
»Jeder Mensch träumt, Ruby«, sagte Isla und lächelte, während sie die Kissen ordnete. Sie konnte nicht anders, da das Mädchen sie anblickte, als wäre sie in der Lage, sämtliche Monster der Welt mit einer Handbewegung zu beseitigen. In Rubys Leben war sie die Heldin, und manchmal befürchtete sie, diese Rolle nicht ausfüllen zu können oder eine Grenze zu ü