KAPITEL 1
Amber
In unserer kleinen Werkstatt war es still geworden.
Meine Augen taten weh, von den Fingern ganz zu schweigen. Aber ich wollte den Bilderrahmen heute um jeden Preis fertigstellen. Er war mit Abstand die beste Arbeit, die ich in meiner Zeit als Vergolderin je abgeliefert hatte.
Die Figuren, die den Rahmen zierten, hatte ich in tagelanger Feinarbeit neu modelliert und in die alten Ornamente eingefügt. Jetzt galt es nur noch, die letzten matten Stellen mit Achat zu polieren, bis das neu aufgetragene Blattgold glänzte, als sei es aus massivem Edelmetall.
Zum wiederholten Mal legte ich den Polierstein aus der Hand, um meine verkrampften Finger zu lockern. Da klopfte es leise an der Tür.
„Ja bitte?“
„Ich bin’s, wollte mal sehen, ob du nicht schon vor Erschöpfung zusammengeklappt bist.“ John Lapiccola schob seinen Kopf durch den Türspalt. Mein Chef sah aus, als sei er mit einem Sack Mehl zusammengestoßen. Seine grauen Haare und auch der Bart waren durch den Kalkstaub noch eine Nuance heller geworden.
Würziger, weicher Kaffeeduft wehte in den Raum. John kam herein, reichte mir einen dampfenden Becher und rieb die schwielige Hand an seiner Arbeitsschürze ab, wo sich der Kaffeefleck in Dutzenden anderen verlor.
Ich hielt mir genießerisch die Tasse unter die Nase. „Oh, danke. Genau den habe ich jetzt gebraucht.“ Der Kaffeeduft weckte meine Lebensgeister.
Doch sobald John näher an die Werkbank trat, wurde ich nervös.
„Ich bin noch nicht ganz fertig.“
„Natürlich bist du fertig, fertiger geht es nicht!“ Er strich sich über den dichten Bart, rückte dann seine Brille zurecht und beugte sich über den Rahmen. „Das hier ist hervorragende Arbeit, Amber Connan, aber das muss ich dir nicht sagen, nicht wahr? Unser Auftraggeber wird mehr als zufrieden sein.“
„Danke.“ Ich war schrecklich erleichtert. Sein Lob, mit dem er sehr sparsam umging, ließ mich erröten.
„Wüsste ich nicht, welche Teile ergänzt wurden, ich könnte es beim besten Willen nicht unterscheiden. Womit wir bei einer anderen Sache wären. Hast du dieses Wochenende schon etwas vor, Amber?“
Ich sah ihn irritiert an. Seit wann interessierte sich John dafür, wie ich meine freien Tage verbrachte?
Unweigerlich drifteten meine Gedanken zu Julius. Mit ihm konnte ich sicher nichts unternehmen. Die Gesetze seines Clans wurden auch für gelangweilte Freundinnen nicht gelockert. Julius hatte gegen einen Befehl seines Meisters verstoßen und war deshalb auf unbestimmte Zeit in einen Sarg eingesperrt worden. Mittlerweile waren über zwei Monate verstrichen, und noch immer war kein Ende der Strafe in Sicht.
Mit Freunden unternahm ich nur selten etwas, noch seltener, seitdem ich mit den Unsterblichen von Santa Monica Umgang pflegte. „Nein, ich hab nichts vor.“
„Erinnerst du dich, worüber wir vor einer Weile gesprochen haben? Dass du gerne auch Skulpturen restaurieren würdest?“
Mir stockte der Atem. Das war mein großer Traum, seit jeher. „Na k