Herbst, 38 000 Jahre v. Chr.
Südliche Alpen
»LAUF,KIND!«
Hinter ihnen brannte der Wald. Seit Tagen trieben die Flammen K’ruk und seine Tochter immer höher in die schneebedeckten Berge. K’ruk aber fürchtete weder den beißenden Rauch noch die sengende Hitze. Er blickte sich um und hielt Ausschau nach seinen Verfolgern, die den Wald in Brand gesteckt hatten, um sie zu jagen, konnte den Gegner aber nirgends ausmachen.
Doch er hörte das ferne Geheul der Wölfe, jener großen Tiere, die sich dem Willen der Jäger unterwarfen. Das Rudel war näher gekommen, nur noch ein Tal entfernt.
Besorgt blickte er zur Sonne, die dicht über dem Horizont stand. Das rötliche Leuchten am Himmel erinnerte ihn an das Versprechen von Wärme, das in dieser Richtung lag, an die heimatlichen Höhlen im schwarzen Felsgestein der grünen Hügel, wo das Wasser noch floss und wo auf den niederen Hängen Rotwild und Bisons umherstreiften.
Er stellte sich die Lagerfeuer vor, die Fleischspieße, von denen das Fett in die Flammen tropfte, den Stamm, der sich zum Einbruch der Nacht versammelt hatte. Er sehnte sich nach seinem alten Leben, wusste aber auch, dass es ihm verwehrt war – vor allem aber seiner Tochter.
Ein gellender Schrei lenkte seine Aufmerksamkeit nach vorn. Onka war auf einem vermoosten Stein ausgerutscht und gestürzt. Normalerweise war sie geschickt im Gelände, doch sie waren schon seit drei langen Tagen auf der Flucht.
Er eilte zu ihr und zog sie hoch. Ihr Gesicht glänzte vor Angst und vom Schweiß. Er hielt kurz inne und legte ihr die Hand auf die Wange. In ihrem kindlichen Gesicht sah er, dass sie sich nach ihrer Mutter sehnte, einer Heilerin, die kurz nach Onkas Geburt gestorben war. Er drehte sich eine Locke ihres feuerroten Haars um den Zeigefinger.
Ganz die Mutter …
Doch er sah noch mehr in Onkas Gesichtszügen, die Merkmale, die sie als anders brandmarkten. Ihre Nase war selbst für ein Mädchen von neun Wintern schmaler als die von K’ruks Stammesgenossen. Ihre Stirn war gerader, weniger ausladend. Er schaute ihr in die blauen Augen, die so strahlend waren wie der Sommerhimmel. Das Leuchten und die anderen Merkmale wiesen sie als Mischwesen aus, als eine Person, die irgendwo zwischen K’ruks Leuten und denen mit den mageren Gliedmaßen und der flinken Zunge stand, die vor Kurzem aus dem Süden gekommen waren.
Diese Kinder galten als Omen und belegten angeblich durch ihre Geburt, dass die beiden Stämme – der neue und der alte – in Frieden zusammenleben konnten. Vielleicht nicht unbedingt in denselben Höhlen, aber sie könnten sich wenigstens die Jagdgründe teilen. Und je näher die beiden Stämme e