Die Torte
Diese Geschichte begann eigentlich an dem Tag, an dem der ururalte Brief aus London bei uns ankam. Doch wir ahnten erst einmal nichts von ihm, denn mein großer Bruder Joshua hatte ihn aus Versehen in die Altpapiertonne geworfen. Wir wussten noch nicht, dass dieser Brief eine richtige Sensation war und dass er uns zu einem echten Schatz führen sollte. Darum hatten wir an dem Tag auch noch überhaupt keine Ahnung, dass ein unheimlich spannendes und sehr besonderes Abenteuer auf uns wartete.
Wir sind übrigens Familie Buddenberg und ein ziemlich bunter Haufen, darum geben sich die Abenteuer quasi die verschnörkelte Klinke der Eingangstür unserer Villa in die Hand, und wir Buddenbergs purzeln von einem ins andere. Dieses Mal jedoch fiel sogar Mama aus allen Wolken.
Mama lässt sich sonst nicht so schnell aus der Ruhe bringen, denn sie hat einen tollen Trick. Egal, was passiert, Mama sagt immer, genau so soll es sein. Auch wenn sie eigentlich einen ganz anderen Plan hatte.
Joshua hat diesen Trick als Erster durchschaut. Klar, er ist ja der Älteste von uns vier Buddenbergkindern und schon siebzehn Jahre alt. Aber auch ich merke immer öfter, wenn Mama unser Leben ein bisschen zurechtbiegt. Ich finde das aber überhaupt nicht schlimm. Es macht mich sogar glücklich. Mama versucht nämlich immer, das Beste in allem zu sehen und aus allem zu machen. Und was soll daran schlimm sein?
Meine Zwillingsbrüder Luis und Lukas sind zu klein und merken das natürlich alles noch nicht. Und mein Opa, den wir alle Opipi nennen, sagt nichts dazu, sondern brummelt in solchen Momenten vor sich hin. Nur manchmal streiten Mama und er ein bisschen darüber, wenn sie denken, dass wir es nicht hören können. Opipi macht nämlich gern Pläne und hält sich auch daran. Aber etwas Streit kommt ja in allen Familien vor.
Mein Name ist übrigens Mia, und ich bin neun. Damit das ganze Kuddelmuddel bei uns zu Hause nicht zu einem Kuddelmuddel in meinem Kopf wird, zeichne ich Karten. Es ist nämlich nicht so leicht, alles im Leben zu verstehen. Karten können dabei helfen. Mir helfen sie. Ich zeichne sie in ein dickes Skizzenbuch, und weil ein Buch mit Karten ja ein Atlas ist, nenne ich dieses Skizzenbuch meinen Lebensatlas.
Joshua hat stattdessen seine Theaterstücke. Darin liest er jeden Tag, oder er spielt sie nach. Manchmal sogar auf der Bühne. Er hat mir erklärt, dass Theaterstückepoetische Anleitungen für das Leben sind. Ich glaube aber auch, dass sie so etwas wie seine Freunde sind. Denn im echten Leben hat Joshua nicht so viele davon.
Doch er hat ja uns. Mama, Opipi, Luis, Lukas und mich und eigentlich auch seinen Vater, den Seemann. Das ist schon eine ganze Menge.
Obwohl ich jetzt natürlich genau weiß, an welchem Tag der ururalte Brief in unserem Briefkasten landete, beginne ich diese Geschichte mit dem Tag davor. Es ist immer gut, den Überblick zu behalten. Darum stand Mama am Anfang auch auf einem Stuhl.
Sie hielt eine große Tüte voller Zuckersahnecreme in Grün in den Händen und schwankte wie ein Schiff hin und her. Der Seemann sagt zwar immer, dass Segelboote nicht umkippen können, aber Mama ist ja kein Boot.
»Pass auf!«, rief ich.
»Nicht in die Torte!«, schrie Joshua.
Im selben Moment fiel Mama vom Stuhl und landete, holterdiepolter, auf dem Küchenfußboden. Die Zuckersahnecremetüte zerplatzte. Für eine Sekunde war es schockstarrestill. Ich schaute erschrocken zu Mama runter. Alles war grün gesprenkelt: ihr T-Shirt, ihr entgeistertes Gesicht und ihre eigentlich braunen Haare, der Fußboden, die Küchenschränke und die Stühle.
»Aua! Mein Po!«, wimmerte M