: Heinz Florian Oertel
: Wenn man aufsteht, wird die Verbeugung tiefer 90 Jahre Heinz Florian Oertel
: Neues Leben
: 9783355500449
: 1
: CHF 7.10
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 160
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Reporterlegende wird 90 Heinz Florian Oertels mitreißende Sportreportagen sind unvergessen, in Radio und Fernsehen begeisterte er mit Sendungen wie 'Schlager einer großen Stadt' und 'Porträt per Telefon'. Auch nach 1990 widmete er sich weiter der Sportberichterstattung, war Herausgeber der Olympiabücher im Verlag Das Neue Berlin und machte auch mit politischen Büchern als streitbarer Geist auf sich aufmerksam. Zum runden Geburtstag gibt es nun noch einmal das Beste von HFO: Anekdoten aus neun Jahrzehnten, die bewegendsten Erlebnisse, legendäre Kommentare und prägnante Bonmots. Wie reißt ein Einzelner Millionen aus ihren Sitzen? In dieser Auswahl wird es noch einmal erlebbar!

Heinz Florian Oertels mitreißende Sportreportagen sind unvergessen, in Radio und Fernsehen begeisterte er mit Sendungen wie 'Schlager einer großen Stadt' und 'Porträt per Telefon'. Auch nach 1990 widmete er sich weiter der Sportberichterstattung, war Herausgeber der Olympiabücher im Verlag Das Neue Berlin und machte auch mit politischen Büchern als streitbarer Geist auf sich aufmerksam. Zum runden Geburtstag gibt es nun noch einmal das Beste von HFO: Anekdoten aus neun Jahrzehnten, die bewegendsten Erlebnisse, legendäre Kommentare und prägnante Bonmots. Wie reißt ein Einzelner Millionen aus ihren Sitzen? In dieser Auswahl wird es noch einmal erlebbar!

Heinz Florian Oertel
als …

Kind

Herkunft

Ich schäme mich, dass ich mich schämte.

Riefen die Lehrer einzelne Schüler auf und fragten nach den Eltern, Beruf des Vaters und so weiter, bekam ich rote Ohren. Immer hoffte ich, man würde mich übersehen. Blätterten andere im Klassenbuch, wo bekanntlich alles Schwarz auf Weiß zu lesen war, duckte ich ab. Links und rechts antworteten Mitschüler: »Mein Vater ist Apotheker«, »Meiner ist Chemiker«, »Ingenieur«, »Studienrat«, »Bibliothekar« … Da konnte ich nicht mithalten. Ich hatte das Gefühl, wenn ich mein »Weber« oder »Tuchmacher« murmelte, grinsten die anderen. Später musste mein Vater, der bis dahin wegen einer Herzgeschichte nicht einberufen wurde, in einen Rüstungsbetrieb. Dort stank es jämmerlich nach allen möglichen Giften. Aus allem machte man Kunstfasern und wer weiß noch was. Jetzt nannte sich Vater Chemiewerker. Mich verführte das zum Schwindeln. Kam ein neuer Lehrer, viele bekannte verschwanden in letzte Wehrmachtsaufgebote, und fragte nach dem Vater, nuschelte ich ein Mischmaschwort wie »Chemwiker« …

Warum, dachte ich hundertmal, warum bin ich gerade so, hierher geboren? Mein Vater Weber in einer Tuchfabrik an der Spree, meine Mutter Reinemachefrau im Lehrerbildungsinstitut um die Ecke. Und wir wohnten zu viert in Stube und Küche. Mutter, Vater, Schwester und ich. Bis zu meinem vierzehnten Geburtstag. Nach der Schule brachte ich Vater das Essen in die Fabrik. Ich trug seine abgelegten Schuhe und gestopften Pullover. Einen Wintermantel kannte ich nicht. Zur Konfirmation bekam ich mein erstes eigenes Jackett.

Warum schämte ich mich?

Ich wusste, andere wohnen besser. Meine Klassenkameraden besitzen richtiges Sportzeug, Fußballstiefel, Badezeug, im Winter Skier, manche ein Fahrrad. Für mich: Fehlanzeige. Weihnachten, wenn es anderswo trotz der miserablen Zeit noch Geschenke gab, Neues, pinselte Vater auf meine Spielsoldaten neue Dienstgrade. Aus einem Gefreiten machte er per Pinselwinkel einen Obergefreiten, aus einem Leutnant mit Klecks einen Oberleutnant. Das war’s. Halt, und dazu mein Lieblingsessen: Kartoffelsuppe mit Bockwurst. In der Schule rangierte ich mit den Leistungen vor vielen, aber die lagen dafür im Leben vorn. Das wurmte. Immer wieder.

Vater konnte für seine Herkunft so wenig wie ich für meine. Die Oertels stammten aus Niederschlesien und waren meist Arbeiter. Vater wuchs zudem in einer ähnlich erbärmlichen Zeit auf. Im Ersten Weltkrieg waren fast alle Lehrer an die Front beordert. Immer wieder fiel Unterricht aus. Entsprechend war das Lernniveau. So »ausgebildet«, geriet er auf den Arbeitsmarkt der Nachkriegsjahre. Eine Katastrophe. Null Berufschancen. So, wie heute wieder für viele junge Leute. Dann glückte eine kurze Bäckerlehre. Es folgte Arbeitslosigkeit. Viele Jahre. Weimarer Republik. Und dann kamen wir. Zuerst ich, dann meine Schwester.

Mein Cottbus

Sprem, Cottbuser Kürzel für Spremberger Straße. Die Straße der Stadt. Überheblich ließe sich auch feststellen – unser Ku’damm. Oben, am südlichen Ende, überragt der Spremberger Turm altbürgerliche Wohn- und Geschäftshäuser, Banken und vorbeiquietschende Straßenbahnen. Dieser dicke Turm mit seinem steinernen Bauch ist fast so alt wie meine Heimatstadt, die immerhin schon über 770 stolze Jahre auf dem Buckel trägt. Hussiten bissen sich am Turm d