: Clarissa von Lausitz
: Fürsten-Roman 2536 Melodie einer Nacht
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783732554805
: 1
: CHF 1.80
:
: Erzählende Literatur
: German
: 64
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Wow - was für eine Frau! In ihrer pinkfarbenen Jacke ist sie im Publikum vor der Bühne wirklich nicht zu übersehen und fällt Saxofonist Henning sofort ins Auge. Es ist wie Magie, als sich ihre Blicke kreuzen, und am liebsten würde sich der Musiker und Leiter des alternativen Kulturzentrums sofort von der Bühne schwingen und mit dieser Traumfrau davonlaufen. Er darf sie auf keinen Fall aus den Augen verlieren, und so sieht er nur diese eine Möglichkeit, um sie festzuhalten.

Die ersten Töne der berühmten Melodie vom rosaroten Panther schweben wie sphärische Klänge durch den Raum und treffen Maja Prinzessin von Buchfelden direkt ins Herz. Eine Liebe gegen alle Konventionen nimmt ihren Lauf - doch sie ist nicht frei von gewaltigen Hindernissen ...

»Schneller! Lauf! Das schaffst du noch, Baby!«

Den heiser gebrüllten Anfeuerungsrufen folgte höhnisches Gelächter. Einen Augenblick lang durchzuckte Maja der Gedanke, stehen zu bleiben und sich umzudrehen – um den drei Jungs im Teenageralter, die auf einer der Bahnhofsbänke herumlümmelten, eine passende Antwort zu geben. Vor allem auf die Bezeichnung »Baby« hin.

Doch dafür hatte sie keine Zeit. Die junge Frau rannte weiter, durchquerte mit ihren langen, schlanken Beinen, die in engen Jeans steckten, die untere Gleisebene des riesigen, unübersichtlichen Berliner Hauptbahnhofes. Ihre glatten, braunen Haare flogen hinter ihr her. Schnell warf Maja einen Blick auf ihre Armbanduhr. Noch zwei Minuten! Wo, zum Teufel, war Gleis neun?

In diesem Moment tauchte ein Schild mit der ersehnten Nummer auf. Dort stand der ICE, den Maja unbedingt noch erwischen wollte. Sie setzte zum Sprint an und sprang in den Zug – eine Sekunde, bevor sich die Türen mit einem warnenden Piepton schlossen.

Geschafft! Erleichtert ließ Maja ihren schweren Rucksack fallen und strich sich einige Haarsträhnen aus der Stirn. Da hatte sie ja einen bühnenreifen Einsatz hingelegt. Schade eigentlich, dass sie niemand gefilmt hatte – ihr Sprung wäre vermutlich einer versierten Stuntfrau würdig gewesen.

Maja nahm ihren Rucksack wieder auf und steuerte das nächstgelegene Abteil an. Sie hatte Glück: Der Zug war nur spärlich besetzt, und gleich vier freie Plätze am Fenster schienen ihr zuzuwinken. Maja sank in einen Sitz und legte den Kopf zurück.

Nach Hause, dachte sie. Jetzt geht es nach Hause. Oder? War der Ort, dem der ICE gerade mit 220 km/h entgegen raste, wirklich noch ihr Zuhause? Gewiss, ihre Eltern warteten dort auf sie und ihre Schwester, außerdem einige alte Freunde von früher und vermutlich Pierre. Doch Maja spürte nicht den winzigsten Funken Vorfreude in ihrem Inneren aufleuchten. Stattdessen meldete sich wieder diese lästige, mahnende Stimme, die sie in den vergangenen Tagen leider oft gehört hatte.

Bist du verrückt, Berlin zu verlassen? Dein Berlin?, fragte diese Stimme. Was willst du in der Provinz? Dort gehörst du nicht mehr hin. Kehr um!

Maja zog ihre schmalen, geschwungenen Brauen zusammen. Der Blick ihrer graugrünen, katzenartigen Augen schweifte zum Fenster. Regentropfen perlten an der Scheibe hinab. An einigen Bäumen, die vorbeizuziehen schienen, hingen noch rote, braune und goldgelbe Blätter. Andere waren bereits kahl, ihre dunklen Äste ragten in den trüben Oktoberhimmel.

Doch so ungemütlich e