1. Der Duft von Patina
Wenn ich schlechte Laune habe, stelle ich erst mal meine Möbel um. Das verändert den Blickwinkel. Anstatt Tabletten zu schlucken oder zu einem Seelenklempner zu gehen, würde ich mir eher ein neues Möbelstück kaufen. Andere Frauen kaufen Schuhe, ich kaufe Einrichtungsgegenstände. Seit vielen Jahren auch beruflich.
Besonders glücklich machen mich die Aufträge, bei denen ich nicht aufs Geld achten muss. Ich liebe es nämlich, Geld auszugeben. Mein eigenes, und das meiner Auftraggeber.
Meine Arbeit ist aber nicht zu verwechseln mit der einer Innenarchitektin. Ich gestalte nicht am Computer, sondern am Objekt.
Deshalb stehe ich im Moment beiArt déco, einem der edelsten und teuersten Antiquitätengeschäfte Berlins, und atme den Duft von Patina ein. Ich bin auf der Suche nach einem repräsentativen Esstisch für die Zehn-Zimmer-Villa von Frau Gehlen, meiner neusten Kundin.
»Kann ich behilflich sein?«
Ein elegant gekleideter Mann, mit glänzenden dunklen Haaren, tritt mir entgegen. Sein Blick wirkt etwas irritiert, als er mich von oben bis unten mustert. Ich kenne das, mein Aussehen kommt eben nicht bei allen Leuten gut an. Dabei sehe ich heute doch völlig normal aus. Jedenfalls soweit eine verwaschene Jeans mit Umschlag, verstaubte rote Turnschuhe, ein pinkfarbenes T-Shirt mit Che-Guevara-Porträt und ein übergroßes Jackett normal sind für eine Frau mit achtundfünfzig, die einige Pfunde zu viel und langes graumeliertes Haar hat.
»Könnte sein«, sage ich lächelnd und gebe dem Dandy meine Visitenkarte aus rotem, extra teuren Karton:
Betty Singer
Feng-Shui-Einrichtungsberatung
Oft ist die Karte der Beginn eines langen Gesprächs über Feng-Shui. Der asiatische Trend ist zwar nicht mehr ganz neu, aber es gibt immer noch Menschen, die hinter diesem Namen eine Kampfsportart oder ein Sushi-Röllchen vermuten.
Der Dandy liest die Karte und deutet eine höfliche Verbeugung an. »Pierre Pötsch. Ich bin der Inhaber.«
Eine angenehme Überraschung, denn wegen seines jugendlichen Aussehens hatte ich ihn für einen Angestellten gehalten. Doch attraktiv wie er ist, könnte er auch ein Schauspieler ohne Engagement sein. Sein blendendes Aussehen, der wache Blick und der Waschbrettbauch, den ich unter seinem weißen Hemd vermute – ein klassischer Held, der allein mit seiner körperlichen Präsenz jede Bühne füllen würde. Ein Mann mit Stil und Klasse, der gut zu seinen Möbeln passt.
Ich beginne das Gespräch mit einem Kompliment über die ausgesucht schönen Stücke in se