Der Chinese
Von Chantal Pelletier
Ménilmontant
Es war das Letzte, was Luc mir auf seinem Weg nach draußen sagte: »Sei nicht blöd, Sonia, nimm deine Tabletten.« Ich nickte. Ich hätte meine Medikamente wieder nehmen sollen, aber ich dachte, ich wäre stabil, und ich hatte es satt, mir die Scheißdinger jeden Tag reinzuwerfen. Draußen, entlang unserer Fenster, brachen die ersten Hyazinthen durch die Erde ihrer Keramiktöpfe. Wir gingen in den Hof, und mich überkam eine Woge der Zuneigung für die beiden Kirschbäume, die vor der Wohnung des Hausmeisters vor sich hin starben, und für die Grashalme, die zwischen den schiefen Pflastersteinen ihr Chlorophyll vorantrieben. Selbst der Anblick der verblichenen Fassaden gefiel mir.
»Keine Sorge«, sagte ich.
Er umarmte mich, oder genauer gesagt: Ich umarmte ihn. So waren wir, wir zwei. Ein umgekehrtes Paar. Ich war größer, schwerer. An Luc war nichts Athletisches, und ich war als Teenager Schwimmchampion gewesen. Achtzehn Jahre später waren davon Bizeps, Schultern und Oberschenkel immer noch übrig. Ich glaube, das war es, was Luc gefallen hatte: meine maskuline Seite. Aber an diesem Tag war alles vorbei. Luc ging, um sich einem anderen Gegner zu stellen. Wir küssten uns auf die Wange.
Ich sah zu, wie er davonging. Ich wusste, ich würde mir nicht noch mal die Zeit nehmen, um mich an jemand anderen zu gewöhnen. Zu viel Arbeit, keine Geduld mehr. Was Luc betraf, so hatte der bereits einen neuen Slalom begonnen, ohne auch nur daran zu denken, dafür zu trainieren. Von uns beiden war ich diejenige, die am meisten lächelte. Luc wusste, dass er, indem er ging, mir einen größeren Gefallen tat als sich selbst. Was ihn nicht davon abhielt, sich schuldig zu fühlen. Das tat mir beinahe weh.
Er trat durch das Hoftor nach draußen. Ich stellte ihn mir vor, wie er in den überfüllten Lieferwagen kletterte. Wahrscheinlich würde er in diesem Moment Reue verspüren: Er hasste logistische Probleme. Die Unannehmlichkeiten des Umzugs würden ihn für eine lange Zeit aus dem Gleichgewicht bringen.
Ich machte mich wieder an das Dressing meines griechischen Salats, fügte etwas Zitrone hinzu und eine Prise gemahlenes Oregano. Ich probierte. Nicht schlecht. Ich gab das Rezept, die Liste der Zutaten und die nummerierten Schritte, in den Computer ein und nannte diesen banalen Endivie-Tomate-Feta-schwarze-Oliven-SalatGriechischer Sommersalat. Ein neuer Titel ist genug, um ein altes Rezept frisch klingen zu lassen, das galt hier, und das galt für alles andere.
Ich sah aus dem Fenster, und mir fiel auf, dass die Pflastersteine im Hof weniger dunkel waren, der Tag heller als in den vorherigen Wochen. Der Frühling war unterwegs. Ich fühlte mich irgendwie berauscht und war plötzlich überzeugt davon, dass Freiheit und Frühling eine wunderschöne Hochzeitsfeier abgeben würden, wenn ich denn wollte.
Ich hatte nicht entschieden, ob ich Jérôme anrufen sollte. »Mir geht’s gut, danke!« Ungeachtet dessen, was Luc sagt, bin ich höflich, besonders meinen Kunden gegenüber, und Jérôme war nun mal mein Hauptkunde: Ich kreierte die meisten der Rezepte für sein MagazinFoodgourmet. Wie gewöhnlich, oder mehr sogar als sonst, mit Arbeit überlastet, verhandelte er gerade den Verkauf einer chinesischen Ausgabe seines Magazins an einen Verlagskonzern in Shanghai, und angesichts der Tatsache, dass er fähig war, seine Seele in kleine Stückchen geschnitten als Schlüsselanhängerdeko verhökern zu können, drehte er durch. 1,3 Milliarden potenzielle Kunden. Sogar ein Tausendstel dieses Glücksfalls wäre ein Vermögen wert gewesen.
Ich wusste sofort, dass er um einen Gefallen bat. Ich brauchte länger, um zu verstehen, um was für einen: Die letzten drei Tage hatte er für einen Chinesen den Stadtführer gespielt. Hingebungsvoll, aus gutem Grund: Er war der Cousin des Mannes, mit dem er in Shanghai verhandelte. Aber jetzt war es zu viel, im Ernst! Ob ich ihm wohl eventuell bis um neun heute Abend in Orly, dann fliege der anstrengende Kamerad weiter nach Mailand, diese Last abnehmen könne? Er hielt mir eine seiner Reden, »Ich mache es wieder gut, die Zukunft des Unternehmens steht auf dem Spiel« oder »Ich bin so überarbeitet, ich zahle dir das Äquivalent von drei Rezepten, du kannst nicht Nein sagen.« Ich sagte Nein, aber ich konnte nicht Nein sagen.
Abgesehen davon war es weniger schlimm, einen chinesischen Touristen durch die Hauptstadt zu führen, als an Rezepten herumzubasteln, die ich auf Fotos sah: Wenn man seine Vorstellungskraft bemühte, konnte dies als Tomate durchgehen, jenes als Sauce béarnaise, und das ganze Ding als eine Scheibe Kalbskopf. Weil es genau das war, zu dem mein Job geworden war: Ich schaute komplett lahme Bilder von komplett lahmen Gerichten an und dachte mir plausible Rezepte dafür aus. Um die Wahrheit zu sagen, verlor man dabei seinen Appetit, sogar ich, und ich liebe Essen.
Ohne diese Geschichte hätte ich meine Autopsie eines Salats gemailt und wäre zu Hause geblieben; jetzt druckte ich ohne Bedauern meine Seite aus, ganz aus dem Häuschen, rauszugehen und dem Frühling direkt in die Augen zu sehen.
Ich sah ihn sofort, als ich die Büroräume vonFoodgourmet betrat. Mich traf der Schlag! Mein Chinese zeichnete sich gegen liebliches Licht und die begrünten Kaskaden an den Hängen des Parc de Belleville ab. Im Hintergrund verbeugte sich das neblige Paris vor solcher Schönheit, goldener Haut und geschürzten Lippen, einem echten Stück China, dem bernsteinfarbener Tee die Farbe braunen Zuckers verliehen hätte. In diesem Moment wusste ich, dass ich meine Tabletten hätte nehmen sollen. Ich kriegte die Krise. Dabei fühlte ich mich nicht mal wirklich zu asiatischen Männern hingezogen. Zu sanft, ganz und gar nicht sexy. Sie haben etwas beinahe Eunuchenhaftes an sich, dachte ich, obwohl ich mich nie schlau gemacht hatte.
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