4. Croydon
Croydon war eine große Stadt am südlichen Rand der Metropole, die sich London vor einigen Jahren offiziell einverleibt hatte. Seitdem hieß sie, als eines von vielen Stadtvierteln, »The London Borough of Croydon«. Die neue Eisenbahn hatte unzählige Menschen nach Croydon gelockt, so viele, dass die Bevölkerungszahlen dort regelrecht explodiert waren. In der Old Town quollen die Häuser über mit Arbeitern und deren Familien, die in den feuchten, überfüllten Wohnungen ein trübes Dasein fristeten. Ungeziefer breitete sich rasant aus, mit ihm Krankheiten und Not. Freddie hatte noch nie derartiges Elend gesehen, geschweige denn den Gestank der Gosse gerochen. Als Kind war sie ein einziges Mal in diese Gegend gekommen, genauer gesagt nach Addington Palace, der Sommerresidenz des Erzbischofs von Canterbury, welche außerhalb Croydons lag. Das herrschaftliche Anwesen mit seinem geometrischen Aufbau aus hellem Stein hatte allerdings nichts gemeinsam mit den Armenvierteln, durch die Freddie und Lord Philip kutschiert wurden. Trotzdem musste sie in diesem Moment an jenen sonnigen Tag denken, an dem Erzbischof Tait ihr sein Beileid zum Tod ihrer Eltern ausgesprochen hatte. Sie war erst sechs Jahre alt gewesen, trotzdem erinnerte sie sich noch genau an die streng gescheitelten, zurückgekämmten Haare des älteren Herrn, an seine niedrige Stirn, die sich über traurige Augen wölbte. Jene schwermütig dreinblickenden Augen hatten sich in Freddies Gedächtnis gebrannt. Sie hatte das Gefühl gehabt, als würde er ihren Schmerz verstehen, während er ihr die Hand schüttelte, als wüsste er, was es bedeutete, wenn einem das Liebste entrissen wurde. Später hatte sie erfahren, dass Bischof Tait im Zeitraum von ein paar Wochen fünf seiner Kinder durch Scharlach verloren hatte. Er fühlte in der Tat dieselbe Trauer wie Freddie. Als Lord Philip ihr später von Taits Tod berichtet hatte, war sie ehrlich betroffen gewesen. Der Gedanke, dass er nun wieder mit seinen Liebsten vereint war, hatte sie ein wenig getröstet.
Doch jetzt galt es, sich auf die Situation vor Ort zu konzentrieren und nicht die Geister der Vergangenheit aufzuwecken. Entschlossen öffnete sie die Tür der Droschke, die eben angehalten hatte. Sie bemühte sich redlich, sich ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen, als sie beim Aussteigen über ein öliges Rinnsal trat, in dem eine tote Ratte schwamm. Dabei hatte Theodore Hobbs, das erste Opfer, nicht einmal im ärmsten Teil der Old Town gelebt. Als Lehrer hatte er sich eine bescheidene Wohnung in einem Mietshaus leisten können, das ein wenig entfernt von der High Street lag. Noch dazu befand sie sich in einem der oberen Stockwerke, wohin der faulige Geruch nach Abwässern nicht mehr ganz so beißend aufstieg. Auf der Treppe zum Eingang saß ein mageres, kleines Mädchen in einem schmutzigen Kittel. Sie spielte mit ein paar leeren Büchsen. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten, und als sie hustete, wurde Freddie klar, dass dieses Kind nicht alt werden würde. Am liebsten hätte sie es aufgehoben, mit nach Hause genommen, gebadet und ihm zu essen gegeben. Dann sah sie sich um, die Straße hinauf. Vor jedem Haus spielten unterernährte Kinder, alle sahen krank aus und ein jedes blickte ihr nach, als sie zusammen mit ihrem Onkel das Haus Nummer drei an der Abbey Road betrat