Die Straße zum Reichtum
Während Mammi packte, warfen Christopher und ich unsere Sachen in zwei Koffer, zusammen mit Spielzeug und einem Gesellschaftsspiel. Noch bevor es dunkel wurde, fuhr ein Taxi uns zum Bahnhof. Wir mußten uns regelrecht davonschleichen wie auf der Flucht, ohne unseren Freunden auf Wiedersehen sagen zu dürfen, und das tat weh. Ich wußte nicht, wozu das gut sein sollte, aber Mammi bestand darauf. Unsere Fahrräder mußten in der Garage Zurückbleiben, wie all die anderen Sachen, die man nicht in ein paar Koffern mitschleppen konnte.
Der Zug rumpelte durch eine dunkle, sternenerfüllte Nacht auf einen fernen Besitz in den Bergen von Virginia zu. Wir kamen an vielen schlafenden Städten und Dörfern vorbei. Goldene Lichtvierecke huschten in der Ferne vorüber. Die einzigen Anzeichen für einsame Farmhäuser, die dort irgendwo verloren in der Nacht lagen. Mein Bruder und ich wollten nichts von dieser Fahrt verpassen und blieben deshalb entschlossen wach. Schließlich hatten wir auch eine Menge, über das wir uns unterhalten mußten. In erster Linie galten unsere Spekulationen dem großen, reichen Haus, in dem wir von nun an wohnen sollten. Ich stellte mir vor, daß ich mein eigenes Kindermädchen haben würde. Es würde mir die Kleider heraussuchen, mein Bad einlassen, mir das Haar bürsten und auf mein Kommando durch die Gegend springen. Aber ich würde nicht zu hart mit ihm sein. Ich würde nett und verständnisvoll sein, die Art von Herrin, die von jeder Dienerin geliebt wird – außer wenn sie etwas zerbrach, an dem ich wirklich hing! Dann würde ich ihr die Hölle heiß machen – ich würde einen urplötzlichen Wutanfall bekommen und mit ein paar Sachen schmeißen, die mir nicht ganz so wichtig waren.
Wenn ich mich an diese nächtliche Zugfahrt heute zurückerinnere, dann erkenne ich, daß es eigentlich diese Nacht war, in der ich begann, erwachsen zu werden und über das Leben zu philosophieren. Mit allem, was man verliert, gewinnt man auch etwas. Also gewöhnte ich mich besser daran und machte das Beste daraus, dachte ich mir damals.
Als mein Bruder und ich gerade überlegten, wie wir das ganze Geld ausgeben sollten, wenn wir es erst hatten, kam der glatzköpfige, dickliche Schaffner in unser Abteil und ließ seinen Blick bewundernd von Kopf bis Fuß über unsere Mutter wandern, bevor er leise sagte: »Mrs. Patterson, in einer Viertelstunde sind wir an Ihrem Haltepunkt.«
Nanu, wunderte ich mich, warum nennt er sie denn »Mrs. Patterson«? Ich warf Christopher einen fragenden Blick zu, aber der schien genauso überrascht wie ich.
Aus ihrem Halbschlaf gerissen, offensichtlich verwirrt und desorientiert, riß Mammi die Augen weit auf. Ein verzweifelter Ausdruck trat in ihre Augen, als sie von dem über sie gebeugten Schaffner zu uns und den Zwillingen hinübersah. Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, mit dem sie sich sachte die Augen abtupfte. Dann folgte ein Seufzer, so schwer und voller Kummer, daß mir das Herz bis zum Hals zu schlagen begann. »Ja, vielen Dank«, erwiderte sie dem Schaffner, der sie noch immer mit großem Respekt und Bewunderung ansah. »Machen Sie sich keine Sorgen. Wir sind jed