1848
Die Paulskirche – das erste deutsche Parlament
Am18. Mai 1848 trat in der Frankfurter Paulskirche zum ersten Mal eine frei gewählte Nationalversammlung zusammen, um über Grundrechte und die deutsche Einheit zu beraten – eine politische Sensation. Das zersplitterte und monarchisch verfasste Deutschland hatte aus der Mitte des Volkes ein gemeinsames Parlament geschaffen, in dem Volksvertreter aus allen Landesteilen über die Schicksalsfragen der Nation berieten.
Wie in ein Festtagsgewand gehüllt, empfing die schwarz-rot-gold ausstaffierte Paulskirche am Premierentag 330 der insgesamt mehr als 600 gewählten Abgeordneten, die durch die freie Wahl (zumindest des männlichen, nicht fronabhängigen Teils) der deutschen Bevölkerung bestimmt worden waren. Unter ihnen waren zahlreiche Prominente wie der Dichter Ludwig Uhland, der »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn oder der Germanist Jacob Grimm. Einige Wochen zuvor war das Undenkbare geschehen: eine Revolution in Deutschland, der Wille zur Einigkeit in einem zerrissenen Land. Und zwar keineswegs, wie Lenin den Deutschen später süffisant nachsagte, mit einer ordnungsgemäßen Bahnsteigkarte in der Tasche.
Die Märzrevolution des Jahres 1848 hatte aus braven Untertanen entschiedene Barrikadenkämpfer gemacht. Es war ein Volksaufstand ohne Beispiel in der deutschen Geschichte. Binnen weniger Tage waren die eher braven deutschen Biedermeier-Reiche nicht mehr wiederzuerkennen gewesen. Es herrschte Aufruhr im Land: Bauern verbrannten in der allgemeinen Krawallstimmung Grundbücher. Gesellen stürmten neuartige Maschinen, Handwerker verlangten die alte Zunftordnung zurück, Tagelöhner rebellierten gegen ihre Ausbeutung. Erhebliches Drohpotenzial erhielten die Forderungen und Petitionen dabei durch den Druck der Straße. Vielerorts verschanzten sich aufstandsbereite Kleinbürger, Handwerker oder Studenten hinter rasch errichteten Barrikaden. Kämpfe entbrannten mit Soldaten, die zum Schutz der Landesherren aufmarschierten. Zurück blieben jede Menge Tote, Verwundete, zerstörte Gebäude.
Häufig war es allein die Furcht vor unkontrollierbarer Gewalt, die die Machthaber zum Einlenken brachte. In der Hoffnung, die aufgebrachte Bevölkerung zu besänftigen, bewilligten die meisten Könige und Fürsten in ihren Herrschaftsbereichen elementare Grundrechte und ersetzten ihre konservativen Regierungsbeamten durch reformbereite »März«-Minister. Nie zuvor war die Macht der Einzelstaaten so geschwächt, nie war die Aussicht auf eine Verwirklichung des Traums der Demokratie in einem »vereinten« Deutschland greifbarer als in jenen Tagen des Frühjahrs 1848.
Noch bedeutsamer war ein anderes Ergebnis der Unruhen: Zum ersten Mal in der Historie sollte eine demokratische Verfassung für ganz Deutschland beschlossen werden. Frankfurt am Main wurde zum Versammlungsort erkoren. Dort waren schon im Mittelalter die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt worden, und dort hatte der Deutsche Bund seinen Hauptsitz. Das Parlam