Der Oktober brachte in diesem Jahr wahrhaft goldene Tage. Nach einem langen, sonnigen und teils sehr warmen Sommer sanken die Temperaturen nun am Abend empfindlich und sorgten dafür, dass sich am Morgen oft dichter Nebel bildete. Geheimnisvoll umspielten die hellen Schwaden die altehrwürdigen Mauern von Schlossgut Hohenbühl am Fuße des Kaiserstuhls.
Das traditionsreiche Weingut der Fürsten Hohenbühl war in Kennerkreisen seit Langem ein Begriff. In jedem Jahr gewann die Winzerfamilie auf den großen Weinmessen im nahen Frankreich zahlreiche Medaillen. Fürst Rudolf war ein bodenständiger Charakter, darin glich er seinen Vorfahren, jener langen Reihe hochadliger Gutsherren, denen die Arbeit in Stall und Weinberg stets sympathischer gewesen war als gesellschaftliche Verpflichtungen.
Fürstin Angelika hatte es in dieser Beziehung nicht ganz leicht mit ihrer besseren Hälfte. War ihre Ehe auch überaus harmonisch, so gelang es ihr doch meist erst nach längerem gutem Zureden, Rudolf von der Notwendigkeit eines Empfangs oder Balles zu überzeugen.
Der Fürst machte auch im fortgeschrittenen Alter noch eine gute Figur im Smoking und war durchaus ein passabler Tänzer. Doch er verabscheute den oberflächlichen Small Talk, und es lag ihm einfach nicht, auf diese Weise Geschäftskontakte zu pflegen. Glücklicherweise hatte sein Sohn Andreas vor knapp einem Jahr die zauberhafte Komtess Tanja von Weill geheiratet, die über viel Charme und eine offene Art verfügte und jeden schnell für sich einnahm. Und Andreas’ Schwester Laura war auf Festen sowieso stets der umschwärmte Mittelpunkt. Die patente, fleißige junge Frau war bildschön und nicht auf den Mund gefallen. So blieb es Fürst Rudolf meist erspart, sich zu sehr um seine Gäste kümmern zu müssen …
Nun, im Herbst, war an große Feste sowieso nicht zu denken. Die Weinlese war in vollem Gange, seit Tagen beherrschte diese Arbeit vom Morgen bis zum Abend den Alltag der Gutsbewohner.
Für Freizeitaktivitäten blieb nur sehr wenig Zeit. Prinzessin Laura wollte allerdings nicht auf ihren täglichen Ausritt verzichten. Lieber sprang sie eine halbe Stunde früher aus den Federn, denn sie genoss es über die Maße, mit ihrem Rappen Thunder durch die klare, kühle Morgenluft zu preschen.
Auch an diesem Morgen hatte die Prinzessin den Schlosshof sehr zeitig hoch zu Ross verlassen. Herrlich war es, den Wind in den Haaren zu spüren, während sie einem schmalen Weg folgte, der mitten in die Weinberge hineinführte. Thunder bewegte sich sicher und ohne Zögern, er kannte hier, wie seine Reiterin, jeden Zentimeter des Wegs ganz genau. Schließlich war er auf Schlossgut Hohenbühl zur Welt gekommen, ebenso wie Laura.
Als die Sonne aufging, hob sich der Nebel nur zögernd. N