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Wie jeden Sonntagmittag wollte ich nicht hin. Wie jeden Sonntagmittag trödelte ich herum und versuchte, ein bisschen Zeit herauszuschinden. Nur …
»Iris!«, rief Pierre. »Was treibst du noch?«
»Schon gut, komme gleich.«
»Beeil dich ein bisschen, wir kommen noch zu spät.«
Warum hatte mein Mann es so eilig, zum Mittagessen zu meinen Eltern zu fahren? Während ich sonst was in Kauf genommen hätte, um diesem Essen zu entgehen. Das einzig Gute daran war, dass ich mein neustes Kleid einweihen konnte. Am Abend vorher hatte ich ihm den letzten Schliff gegeben und war nun mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ich tat, was ich konnte, um mein Nähtalent zu pflegen und nicht aus der Übung zu kommen. Außerdem vergaß ich beim Schneidern alles: meine sterbenslangweilige Arbeit bei der Bank, die Routine meines Lebens und den Niedergang unserer Beziehung. Ich hatte dann nicht mehr den Eindruck zu verlöschen. Im Gegenteil, ich fühlte mich lebendig: Wenn ich an meiner geliebten Nähmaschine saß oder Entwürfe zeichnete, pulsierte das Leben in mir.
Ich betrachtete mich ein letztes Mal im Spiegel und seufzte.
Dann ging ich zu Pierre in die Diele, er stand da und tippte auf seinem Handy herum. Ich beobachtete ihn einige Augenblicke lang. Jetzt kannte ich ihn schon seit zehn Jahren, doch seine Sonntagskluft hatte sich um kein Jota verändert: Oxfordhemd, Baumwollhose und die ewigen Bootsschuhe.
»Da bin ich«, sagte ich.
Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn bei etwas ertappt, und steckte das Telefon in die Tasche.
»Wurde auch Zeit«, schimpfte er und zog seine Jacke über.
»Sieh mal, das hab ich gestern fertig genäht. Wie findest du es?«
»Sehr hübsch. Wie immer.«
Er hatte schon die Haustür geöffnet und war auf dem Weg zum Wagen. Mir hatte er keinen einzigen Blick gegönnt. Wie immer.
Punkt 12 Uhr 30 parkte er unseren Wagen vor dem Haus meiner Eltern. Mein Vater machte uns die Tür auf. Das Rentnerdasein bekam ihm nicht gut, sein Bauch wurde stetig dicker, und sein Sonntagsschlips schien ihn immer mehr zu beengen. Er schüttelte seinem Schwiegersohn die Hand und gab seiner Tochter einen flüchtigen Kuss, bevor er Pierre ins Wohnzimmer zog, um den traditionellen Portwein zu trinken. Ich begrüßte kurz meine beiden älteren Brüder, die schon beim zweiten Glas waren. Einer lehnte am Kamin, der andere saß Zeitung lesend auf dem Sofa, allgemeines Gesprächsthema war die aktuelle politische Lage. Dann ging ich zu den Frauen in die Küche. Meine Mutter, die Schürze um die Taille gebunden – und das nun schon seit vierzig Jahren –, überwachte die sonntägliche Lammkeule und öffnete Dosen mit grünen Bohnen, während meine Schwägerinnen sich um das Mittagessen ihrer Sprösslinge kümmerten. Die Kleinsten bekamen die Brust. Die Größeren unterbrachen ihr Festmahl – Dauphine-Kartoffeln mit einer Scheibe kaltem Braten –, um ihre Tante auf die Wange zu küssen. Ich half meiner Mutter ein wenig, schleuderte den Salat und rührt